Der Zoo

Novellen

Dieses blutige, unerhörte Ereignis brach unversehens über das Leben der großen Stadt herein und dauerte gerade einen Tag und eine Nacht – vierundzwanzig Stunden oder eintausendvierhundertvierzig Minuten – und erregte Aufruhr nicht nur in allen Winkeln der Metropole, sondern noch tausende Meilen darüber hinaus. Und die meisten Bewohner begriffen, dass die Welt von heute etwas sehr Zerbrechliches ist und in einem einzigen Augenblick in einen Zusammenbruch voller Tragik stürzen kann…

Die Luft war düster, dicke schwarze Wolken hatten das ganze Antlitz des Himmels bedeckt.

Und plötzlich zeigte sich ein seltsames Bild.

Von Südwesten her zog über die große Stadt ein unzählbarer, lärmender Schwarm von Krähen in gleichmäßigem Flug, als stünden sie in Reih und Glied. Und das, obwohl die liebliche Jahreszeit des Frühlings eben erst herrschte. Abertausende Krähen sangen ein Lied des Schreckens. Zur selben Zeit gingen Hunderte von Stadtbewohnern, als wären sie taub oder blind, achtlos ihren Wegen nach und hoben nicht einmal den Kopf zum Himmel.

Ein junger Mann machte die Ausnahme. Neugierig geworden, blieb er stehen und schaute zu. Und als er mit wachem Eifer beobachtete, bemerkte er, dass gegen diesen Schwarm – gegen die eigene Art – eine einzelne Krähe die Flügel schlug, sich wand und drehte und zwischen ihresgleichen, mitten in dieser mächtigen Woge, einen Weg in die andere Richtung suchte; und erstaunlich ist, dass sie keine einzige von ihnen streifte und sich mühsam, Stück für Stück, vorwärts arbeitete. Doch ihre Sippe war ohne Zahl…

Arme Krähe! Wozu mühst du dich vergebens? Was du tust, ist, als male man ein Bild auf das Wasser. Es ist nicht leicht, sich vor einer Menge aufzurichten, dachte der junge Mann. Zugleich zollte er dem Mut und der Beharrlichkeit dieser einsamen, eigensinnigen Krähe seinen Beifall.

Er wollte sehen, wie die Mühe und der Flug der Krähe enden würden. Aber die Woge des Krähenschwarms wollte kein Ende nehmen, damit die eigensinnige, kühne, aufsässige Krähe den freien Himmel erreichte.

Seine Augen wurden müde.

Gott befohlen, du einsame Krähe!

Und der junge Mann ging seinen anderen Gedanken nach…

Er war noch unverheiratet und erlebte eben seinen siebenundzwanzigsten Frühling; geboren und wohnhaft war er in einer nicht allzu großen Metropole – einer Stadt, deren Einwohnerzahl etwas über fünf Millionen beträgt –, überdies konnte er mehrere Sprachen frei und gebildet sprechen und schreiben und war viele Male dienstlich in andere Länder der Welt gereist, sogar über den Ozean; von Zeit zu Zeit fiel ihm bruchstückhaft ein sonderbares Märchen ein, das er in seiner Halbwüchsigenzeit von seinem Großvater gehört hatte…

Es war einmal, es war einmal nicht: in einer fernen Zeit, in einem blühenden Land lebte ein Padischah. Eines Tages erkrankte seine Frau, und nicht lange danach starb sie, wie das Schicksal es befahl. Der König und sein Sohn blieben allein zurück. Jahre vergingen, und der Schatten Gottes nahm sich wieder eine Frau, und nach neun Monaten, neun Tagen, neun Stunden und neun Minuten gebar seine Frau ein Mädchen.

Dank seiner Wachheit und seinem Blick für die Dinge kam der Königssohn hinter das Geheimnis seiner Schwester, und die Sterndeuter des Hofes und die Weisen schüttelten voll Staunen, Reue und Furcht die Köpfe und sprachen:

– Dieses Kind wird großes Unglück über unser Land bringen; sein Schritt ist ohne Segen, und es selbst ist ohne Erbarmen, denn es stammt aus dem Geschlecht der blutdürstigen Diwe…

Die Stiefmutter geriet in Zorn und jagte den Knaben vom Hof; der Vater wagte, obwohl ihm das Herz brannte, aus Furcht vor der jungen Frau nicht, sich ihr in den Weg zu stellen. In dieser Zeit wuchs die Tochter des Schattens Gottes heran, und die Voraussage der Sterndeuter, der Klugen und der Seher bewahrheitete sich. Das diwgeborene Mädchen verschlang zuerst eines nach dem anderen sämtliche Haustiere. Dann Vater und Mutter, dann die übrige Verwandtschaft. Nach einer kleinen Weile blieb in jenem glücklichen Land kein lebendes Wesen mehr. Der vom Hof vertriebene Sohn erlebte vieles; unter anderem knüpfte er im Wald ein Band der Freundschaft mit zwei verwaisten Löwenjungen; und am Ende wurde jenes Mädchen aus Diwengeschlecht, das auch den Königssohn zu fressen gedachte, von jenen Löwen, die seinerzeit seine Güte erfahren hatten, roh zerrissen und in Stücke gerissen – doch an ihr Fleisch führten sie nicht einmal die Nase…

Der Löwe, der König der Tiere, blickte auf das in den Stein gehauene Bild, auf dem ein Mann mit starken Armen einem Löwen den Rachen aufriss, und sagte: – Hätten die Löwen die Gabe der Steinmetzkunst, so sähet ihr den Menschen unter den Tatzen des Löwen…

Eine der seltensten und sehenswertesten Entdeckungen der Metropole war ohne Zweifel eben dieser Zoo. Er lag fast im Zentrum, auf einer Insel von insgesamt mehr als zwanzig Hektar, und zu beiden Seiten strömte das Wasser des Flusses vorüber, schwappend, schwer, schwer atmend, gleichgültig dahinfließend. Von den beiden Ufern her, wo vielgeschossige Häuser, breite Alleen und Plätze voller Blumen und Sträucher errichtet worden sind, verbanden sechs Fußgängerbrücken und zwei Fahrstraßen – über die jeden zweiten Tag Tonne um Tonne Futter für die Tiere gebracht wurde – den Zoo mit der Metropole. Rings um die Insel läuft ein eisernes Gitter auf dickem Fundament, fünf, sechs Meter hoch, und darum blieb der Ort beim Hochwasser unversehrt. Das Innere des Geländes schmückten Wald und Wiese, und oben in den Zweigen sangen Dutzende Arten kleiner Vögel wie im Wettstreit, vom falschen Morgengrauen bis zum Einbruch der Dämmerung. Über den freien Boden draußen krochen abends oder in der Frühe Hunderte von Igeln und Schildkröten. Im Frühling und Sommer und bis zum Beginn der Herbstregen ließ man einmal in der Woche nachts, wenn alle Tore des Zoos für die Besucher geschlossen waren, tausende satte Tiere aller Art in den Wald hinaus, damit sie sich ein wenig frei fühlten von der Haft der großen Käfige und ungehindert springen und laufen konnten. Nachts hielten starke Scheinwerfer den Wald erleuchtet. Und ein wunderliches Bild ergab sich.

Einmal erhielt der Regisseur eines geographischen Fernsehsenders, der ein wacher und aufmerksamer Mensch gewesen sein muss, das Recht zu filmen, mit dem Versprechen, nur gewöhnliche Bilder von den im Wald umherziehenden Zootieren aufzunehmen. Seine Gruppe arbeitete bis zum Morgengrauen oder wartete meistens bloß. Später kam heraus, dass der schlaue Regisseur auf die Augenblicke gewartet hatte, in denen Löwen und Tiger, Wölfe und Rehe und die übrigen Tiere sich paarten. Daraus machte er einen sehr anziehenden populärwissenschaftlichen Dokumentarfilm mit allen seinen heimlichen Feinheiten und kam durch den Werbemarkt und den Verkauf tausender Scheiben zu viel Geld – obwohl solche gewaltsamen Paarungen auch im wirklichen Wald und in der freien Steppe nicht selten sind. Besonders eine Szene, in der ein Löwe eine junge Löwin mit seinen starken Vorderpranken unter sich zog und sie fünfzehn, achtzehn Minuten lang ohne Unterlass nahm, entfachte den tierischen Trieb, der im Innern einer gewissen Sorte willensschwacher Menschen verborgen liegt. Und die Menschen erkannten deutlich, welch stürmische, aufwallende Empfindungen in jenem Wald des Zoogeländes wogten, wenn die Raubtiere, die Weidetiere und das Kriechgetier den Geruch der Freiheit spürten. Tausende verlangten über die Netze, der Zoo möge seine Tore auch nachts denen öffnen, die es wünschten. Doch die Leitung der Anstalt hielt das nicht für zulässig…

Jenes gesponnene, erdichtete Volksmärchen ist natürlich eine alte Erinnerung; doch eben jetzt zog ein ganz anderes, ein heutiges Märchen die Aufmerksamkeit des jungen Mannes auf sich, der in einer Fünfzimmerwohnung im siebenundzwanzigsten Stock lebte, dazu getrennt von Vater und Mutter. In der Tat, es erregte höchstes Staunen. Er traute seinen Augen und Ohren nicht: wie kam es, dass Menschen verschiedener Sprachen und Völker, verschiedenen Alters und Geschlechts, dazu Bewohner verschiedener Länder, ja verschiedener Erdteile, im selben Augenblick beinahe auf dieselbe Weise erregt wurden und dasselbe dachten. In diesem Augenblick schien es völlig unmöglich zu begreifen, wie sie – mochten sie auch Bekannte des jungen Mannes sein –, tausende und abertausende Meilen voneinander entfernt und ohne Kenntnis voneinander, sich um ein einziges unbekanntes Gefühl vereinen konnten? Vielleicht war es Zufall? Nein, irgendein unsichtbarer Faden hatte jeden Einzelnen von ihnen fest miteinander verbunden. Daran war nicht zu zweifeln. Andererseits war der junge Mann, der jetzt am Küchenfenster stand und zu begreifen versuchte, ihnen in den vergangenen Jahren an verschiedenen Punkten des Planeten begegnet und hatte sie kennengelernt; aber sie – sie kannten einander doch gar nicht?!

Auf dem Bildschirm seines eigenen Rechners rief er viele Aufnahmen auf. Aufmerksamer als zuvor blickte er in diesem Augenblick in ihre Tiefe. Augen und Augen und Augen, der Blick des Rehs und des Kamels, des Wolfs und des Tigers, des Affen und des Löwen, des Adlers und des Aasgeiers, des Bären und des Argali, des Fuchses und des Schakals, des Pfaus und der Schlangen… Sie waren ihm gewöhnlich erschienen. Doch damals, vor einem Monat, als er – er verstand selbst nicht, mit welchem Gedanken – jedes Einzelne aufgenommen hatte, war es ihm offenbar wie ein schöpferischer und sonderbarer Fund vorgekommen. Deshalb schickte er sie, wie gewohnt, an die elektronischen Adressen seiner Freunde. Auch früher war es so gegangen: er sandte diese oder jene Ansicht zu den Ereignissen der Welt hinaus, damit sie darauf antworteten und ein Austausch der Gedanken entstünde. Eine Art gesellschaftliche Verbindung.

Doch diesmal nahm die Sache eine ganz andere Farbe an: alle seine Gefährten, die fernen wie die nahen, baten ihn, sein Postfach zu öffnen und ihre Schlüsse zu lesen. Ihr Ruf klang beunruhigt, als wollten sie Alarm schlagen. Innerlich geriet der junge Mann in maßloses Staunen und wurde ein wenig unruhig. Was war es, der Blick welches Tieres hatte sie erregt – und vor allem, weshalb?..

„Schervon, mein Freund, sieh genauer hin – die Blicke der Tiere im Zoo eurer Stadt sind vor Angst er-star-rt!!!“ – schrieb ein Altersgenosse aus Neuseeland.

„Sieh richtiger hin: jemand oder etwas, irgendein Wesen, hat deine Tiere in Furcht versetzt“ – diese Ansicht sandte sein Bekannter aus der Stadt Izmir in der Türkei.

Sein amerikanischer Bekannter aus New York, wo der junge Mann eine Zeitlang sein Englisch vervollkommnet und im vierundsiebzigsten Stock in Manhattan gewohnt hatte, äußerte sich noch sonderbarer: „Schervon! Gib acht, sämtliche Bewohner des Zoos warten auf ein unerfreuliches, vielleicht schreckliches Ereignis! SOS!“

„Hat sie etwa jemand in einen Strudel von Zauberei geworfen?!“ – fragte ausrufend sein chinesischer Studienkamerad.

„Ich sehe zum ersten Mal solche Augen, einen so entsetzten Blick. Sind womöglich alle Tiere von einer Seuche befallen?“ – überlegte sein deutscher Freund aus Berlin. Schervon war dort mehr als ein Jahr lang Student der Universität für Management und neue Technologien gewesen.

„Jemand, oder irgendein Geschöpf, führt sie vom Wege ab! Alle deine Tiere stehen zwischen Wasser und Feuer… – schrieb sein Bekannter aus Tokio. – Dass sie nur nicht alle auf einmal Hand an sich legen!..“

Zuerst hielt Schervon das alles für Unsinn. Ein wenig später geriet sein Denken ins Wallen und er fühlte den Boden unter den Füßen nicht mehr. Komme, was wolle, sagte er und öffnete eine der Aufnahmen: die Augen des Bären. Vielleicht ist dies der Blick, den die Leute blutunterlaufen nennen, oder blutgetränkt? – dachte der junge Mann. – Was für ein Zufall?! Es war genau jener Bär, den er in seiner Kindheit zusammen mit seinem Großvater vom Sterben oder vom Getötetwerden errettet hatte…

Der Kranich, der eben erst mit seinem langen Schnabel das Knochenstück aus dem Schlund des Wolfes herausgeholt hatte, sah die Drohung des gierigen Wolfes und dachte bei sich, dass man undankbaren Geschöpfen fortan niemals mehr helfen dürfe…

Mitten auf einer kleinen Wiese in einer Senke, die ein wenig oberhalb des Waldpfades am Fuße des Berges liegt, war eine große Falle aufgestellt worden, und eine große braune Bärin war in ihre harten Zähne geraten. Die hilflose Bärin, der das Herz über dem Verlust der Freiheit in Fetzen ging, stieß herzzerreißende Schreie aus. Ihr Klagen erregte ringsum ein Getöse. Ein-, zweimal wand sie sich, schleppte die Kette der Falle mit, doch wo denn, und mochte sie tausendmal ihre Kraft aufbieten, sie konnte nicht frei werden. Ihre zwei noch ganz kleinen Jungen liefen ringsherum hin und her und hatten weder Kraft noch Vermögen, ihrer gefangenen Mutter zu helfen.

Eine Weile später tauchte von irgendwoher ein Trupp Halbwüchsiger von zehn, zwölf Jahren auf. Zuerst standen sie oben am Rand der Senke, deren Wand der Regen ausgewaschen hatte, und schauten zu. Dann sagte einer:

– Bärenleber und Bärengalle sind eine gute Arznei für gewisse Krankheiten!

Ein anderer sagte:

– Und das Fett, davon sagst du nichts? Das lässt sich für gutes Geld verkaufen.

Ein dritter äußerte ganz verwundert:

– Der Bär lebt doch, wie sollen wir ihm Fett und Leber und Galle nehmen?

– Wir haben Messer, wir ziehen das Fell ab…

Einen Augenblick lang trat Schweigen ein.

– Ich weiß es! – schrie der hochgewachsene Junge, aus dessen Augen gleichsam Feuer sprühte. – Wir steinigen sie! Ein Bär in der Falle findet kein Mittel zu entkommen. Wir schlagen und schlagen, bis sie tot ist, dann ziehen wir das Fell ab.

Und er selbst nahm einen Stein, größer als eine Faust, und schleuderte ihn gegen die Bärin. Sein Beispiel und seine Kühnheit machten den übrigen Gleichaltrigen Mut, und es erhob sich ein Aufruhr wie am Jüngsten Tag.

Alle folgten ihm nach. Auf den Kopf der Bärin regneten Geschosse wie vom Himmel herab. Zugleich verflochten sich das Geschrei und das Gejohle und die Rufe „uh“, „fast getroffen“, „was für ein Wurf!“, „ziel genau!“ ineinander, mischten und weckten die Lust und die Gier der Meute.

Unter dem Schlag jedes Steins stöhnte die Bärin auf, doch ach, entging sie dem einen Stein, so traf sie der andere. Immer müder und kraftloser lief sie hierhin und dorthin, die Kette der Falle spannte sich straff, weit zu kommen war ihr nicht gegeben.

Hunderte von Steinen trafen ihren zottigen Leib und rollten hinab. Die Wiese verwandelte sich in ein Steinfeld. Irgendein scharfkantiger Stein muss ihr die Haut des Leibes aufgerissen haben, denn Blut rann herunter.

– Werft mit scharfkantigen Steinen!

Die erbarmungslose Meute suchte lärmend nach scharfkantigen Steinen und schleuderte sie pfeilgleich gegen die Bärin.

– Werft fester, gleich fällt sie um, dann wird das Zielen leichter.

Hätte in jenem Augenblick irgendein einigermaßen aufmerksamer Mensch in die Gesichter jener unheilvollen, missratenen Bengel geblickt, so hätte er deutlich gesehen, dass ihnen jetzt Feuer und Blut aus den Augen sprühten.

Zuletzt stürzte die Bärin kopfüber den Hang hinab, bewegte noch immer die Beine und schüttelte den Kopf. Aus ihren Lefzen quoll blutiger Schaum und rann herab. Das Tier verließen die Kräfte. Auf die Seite gefallen, fand sie keine Möglichkeit mehr, den Schlägen der Steine zu entgehen.

In diesem Augenblick erreichten der Enkel und sein Großvater den Schauplatz des Unglücks. Die Bärin atmete noch, schnaufend, mühsam, mühsam, schwer, in kurzen, kurzen Zügen. Sie standen vor dem halbtoten Leib der Bärin, und der Großvater wusste nicht, wie er seinen Zorn hinunterschlucken sollte.

– Wie schade, wir sind zu spät gekommen, – sagte er zu dem Enkel, und indem er auf die Hunderte kleiner und großer Steine blickte, von denen die meisten blutig waren, stellte er sich vor, welche Grausamkeit sich hier zugetragen hatte. – Elendes Gezücht!

Die Bärenjungen wollten winselnd nicht von der Bärin weichen. Es war, als hätten sie begriffen, dass der Großvater und der Enkel – ihre Beschützer und Verteidiger – zur Stelle waren. Offenbar wich die Furcht aus ihren Augen, und aus reinem Trieb rieben sie sich an Bauch und Rücken der Mutter. Der Enkel bemerkte, dass die Bärin den Blick nicht von seinem Großvater wandte. Und dieses Geschöpf Gottes gab, dem Anschein nach beruhigt, dass ihre Kinder fortan nicht heimatlos und verloren bleiben würden, still und ohne einen Laut seine Seele dem Allmächtigen zurück.

Von oben her, den schmalen Pfad entlang, kamen jene zweibeinigen Geschöpfe in Menschengestalt einer nach dem anderen herab. Der Großvater und der Enkel schenkten ihnen keine Beachtung.

– Die Bärenjungen bringen wir in die Stadt, dort gibt es einen großen Zoo, wir verkaufen sie, sie geben gutes Geld, – sagte jener hochgewachsene Halbwüchsige.

– Verkauft ihr sie nicht mir? – fragte der Großvater und heftete den Blick auf die Bärenjungen.

Er war ein wenig über sechzig, das Haar auf seinem Kopf dicht und graumeliert, die Schultern breit, die Fäuste kräftig und der Blick scharf.

– Wie viel Geld geben Sie? – fragte der Halbwüchsige, ein wenig in Aufregung geraten.

– Was in meiner Tasche ist, so viel, dass für ein Taxi noch etwas bleibt, das genügt.

Er zog das Geld aus seiner Tasche und legte es auf die blutigen Steine der Wiese.

– Aber einen Strick haben Sie doch nicht?

– Wozu wäre er nötig? – fragte der Großvater zurück.

– Wie wollen Sie die Bärenjungen fortbringen? Indem Sie sie treiben oder hinter sich herschleifen? – bohrte jener gierige Junge weiter.

– Ich werde sie verzaubern, ihr werdet es selbst sehen, – sagte der Großvater.

– Wie denn?

– Ganz einfach. Ich spreche ihnen ein Gebet ins Ohr.

– Und dann? Verstehen sie Sie?

– Gewiss! – gab der Großvater nicht nach.

– Sonderbar…

Der Großvater kniete sich neben die Bärenjungen. Dem einen streichelte er mit der Handfläche den Rücken. Dann führte er langsam den Mund an sein Ohr und sagte flüsternd ein, zwei Minuten lang etwas, das nur er selbst wusste und Gott und jenes verwaiste Bärenjunge. Danach verzauberte er ohne Hast auch das zweite Bärenjunge.

– Nun gut, wir gehen, – sagte der Großvater. Und er schritt voran. Sein Enkel hinterdrein…

Welch ein Wunder! Die Bärenjungen vergaßen die tote Bärin und machten sich plötzlich hinter dem Großvater und dem Enkel her auf den Weg.

Die Mörder blieben starr und verblüfft zurück und fanden nicht die Kraft, den Mund aufzutun.

Der Großvater und der Enkel und die Bärenjungen waren schon weit fort. Jener hochgewachsene Bursche kam zu sich, bückte sich langsam und hob von dem Stein das stellenweise blutige Geld auf…

Der Großvater und der Enkel nahmen ihr Mittagsmahl in einem Restaurant mit weitem, offenem Raum auf dem Dach des zwölften Stockwerks eines zweiundvierziggeschossigen Gebäudes ein. Seit langem schon besteht diese Gewohnheit, die jede Woche an einem bestimmten Tag stattfindet, in ihrem Umgang miteinander.

– Das Mobiltelefon, durch das wir einander im Bilde sehen und in jedem Augenblick, in dem uns das Herz danach steht, ein Gespräch führen, ist eine gute Sache. Doch eine Begegnung, einander gegenüberzusitzen, einander in die Augen zu blicken und zu reden, das ist etwas ganz anderes, – sagte der Großvater. – Und ich danke dir, dass du für mich Zeit findest.

– Auch ich denke an Sie, manchmal wird mir ganz bang ums Herz, – fügte der Enkel hinzu, um dem Wort des Großvaters beizupflichten.

– Sieh doch diesen Fluss an, wie er mit Würde und Langmut die Insel in die Arme nimmt und sein Wasser ohne Unterlass dahinströmt. Wie das Leben, wie das Menschenalter, das rasch vergeht…

– Mein Vater und meine Mutter haben angerufen. Sie sagten, ich solle deinem Großvater ihren Gruß ausrichten.

– Sie sollen gesund sein. Wie geht es ihnen? Haben sie vor, in unsere Gegend zu kommen, oder nicht?

– Ihre Geschäfte gehen gut. Die Zeit ihres Urlaubs ist gekommen. Es haben sich Zeit und Gelegenheit gefunden, und sie sind zusammen mit meiner kleinen Schwester zur Besichtigung der Städte Prag und Paris, Rom und Wien aufgebrochen.

– Die Welt zu bereisen ist eine wunderbar begehrenswerte Sache. Wie geht es deiner kleinen Schwester? Seit langem habe ich ihre Stimme nicht gehört.

– Sie wissen ja selbst, wie das ist. An einer europäischen Universität zu studieren ist keine leichte Sache. Jede Stunde ihres Lebens ist gezählt. Jedenfalls werde ich sie bitten, dass sie hin und wieder die Zeit findet und Sie anruft.

– Sei gesegnet, mein lieber Junge! Mach dir keine Sorgen, sag ihr nur, sie solle ja nicht ihre Muttersprache vergessen…

– Nein, sie vergisst sie nicht.

– Bist du dessen ganz gewiss?

– Ja. Ich habe meiner kleinen Schwester jene geschichtliche Begebenheit erzählt.

– Welche geschichtliche Begebenheit? – fragte der Großvater, neugierig geworden.

– Erinnern Sie sich, Sie haben mir immer wieder eingeschärft, ich solle neben der Kenntnis des Englischen und des Russischen, des Deutschen oder des Französischen meine Muttersprache nicht aus dem Blick verlieren…

– Ja, du hast dich eigensinnig gezeigt. „Wenn ich die Weltsprachen gut kenne und frei spreche, wozu brauche ich dann die Muttersprache“, hast du gesagt.

– Richtig. Dann, vor ungefähr zehn Jahren, als ich Student im zweiten Studienjahr war, kamen Ausländer, suchten Dolmetscher und veranstalteten einen Wettbewerb. Für jede Stunde des Führens und Dolmetschens versprachen sie eine gute Summe. Ich ließ mich einschreiben.

– Ja, es fällt mir wieder ein. Du hattest den Zweifel, das Englisch deiner Altersgenossen stehe höher und dein Sieg sei fraglich…

– Dann stellte sich heraus, dass jene jungen Leute unsere Muttersprache überhaupt nicht kannten, und darum wählten sie mich, der ich die Muttersprache ein wenig besser sprach.

– Danach hast du eingeräumt, dass das Leben selbst ein Lehrmeister und eine große Schule ist und in das Denken und die Überzeugung des Menschen Veränderungen einzutragen vermag. Und jener Wettbewerb war eine gute Lehre für dich.

– Kurzum, seien Sie ganz beruhigt, meine kleine Schwester wird die Sprache des Großvaters und der Großmutter und der Vorfahren niemals vergessen.

– Mag sein, auch ich hoffe es…

– Meine liebe Großmutter, Gott möge sie an seiner Schwelle aufgenommen haben und ihre Stätte sei das Paradies, sprach jedes Mal, wenn sie einen Segen gab: „Meine Kinder, wo immer ihr auch seid, das ist euer Schicksal, seid nur heil und gesund, und der Herr möge euch in seinem Schutz bewahren.“ Vielleicht ist es Gottes Wille, dass wir uns alle daran gewöhnt haben, weit, weit voneinander entfernt zu leben. Wenn auch: es lebe Skype!

– Meine liebe Großmutter!.. Wie schön das aus deinem Munde klingt. An jenem Morgen, an dem du zur Welt kamst, lag ihr die ganze Nacht das Gebet und der Wunsch auf der Zunge, das Auge deiner Mutter möge heil und gesund hell werden. Vor Freude fand sie, „ein neuer Gast, sein Leben werde lang“ rufend, keinen Platz zum Sitzen. Am frühen Morgen kochte sie eine Hühnersuppe und ging, deine Mutter zu besuchen…

– Ja, meine Mutter hat es manchmal erzählt.

– Wie schade, deine liebe Großmutter ist früh aus der Welt gegangen. Sie war eine Frau des Paradieses…

– Denken Sie an sie, Großvater?

– An deine liebe Großmutter?

– Ja.

– Nein.

– Warum nicht?

– Weil deine liebe Großmutter, ihr reines Antlitz, ihr anmutiges Lächeln, ihre herzeinnehmenden Worte immer mit mir atmen. Es ist nicht nötig, ihrer zu gedenken…

– Sonderbar…

– Übrigens, am Telefon hast du angedeutet, dass du dich in irgendeiner Sache beraten möchtest?..

Schervon, in einen Gedanken verstrickt, holte seinen Laptop hervor, schaltete ihn ein, öffnete die Aufnahmen von den Augen des Löwen und des Tigers und des Bären, des Affen und des Wolfs und des Fuchses und ähnlicher Tiere und wies seinen Großvater darauf hin:

– Nun, gehen Sie diese Blicke der Tiere aufmerksam durch. Vielleicht kommt auch Ihnen, Großvater, irgendein Gedanke oder eine Vermutung.

Der Großvater sah prüfend eine Aufnahme nach der anderen an. Offenbar konnte er zu keinerlei Schluss kommen.

– Aus dem Stegreif ist schwer zu sagen, was diese Blicke ausdrücken. Was hat dich denn in Erstaunen versetzt? – fragte er Schervon ratlos.

– Nicht mich! – antwortete der Enkel. – Ich habe diese Aufnahmen vor einiger Zeit aus Neigung gemacht und in meinem eigenen Blog untergebracht. Eine Reihe meiner Freunde, die in verschiedenen Ländern der Welt leben, behaupten, ohne voneinander zu wissen, dass die Augen sämtlicher Tiere vor Angst erstarrt sind. Jemand oder etwas, ein Mensch oder ein Dschinn, hat sie in Schrecken versetzt. Und die meisten wollen warnen, dass sie womöglich irgendein Unheil heraufbeschwören… Deshalb bin ich, die Wahrheit gesagt, auch selbst in Staunen geraten, was für ein Geheimnis und Rätsel sich hier wohl verbergen mag.

– Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Können denn Tiere, die in den festen Käfigen des Zoos leben, von sich aus irgendein Unheil heraufbeschwören? Ist ein Scherz vonseiten deiner ausländischen Freunde nicht auszuschließen?

– Nein, sie machen doch nicht alle auf einmal, im selben Augenblick und in demselben Sinn ihre Scherze!

Der Alte blickte noch ein weiteres Mal in die Augen der Tiere. Doch er fand nicht den geringsten Faden zu diesem Knoten.

– Nun gut, ich werde den Tieren selbst gegenübertreten. Vielleicht finde ich aus ihrem Verhalten irgendeine Auskunft…

So nahmen der Großvater und der Enkel einander in die Arme und verabschiedeten sich.

Bevor er hinunterging, warf der Alte noch einmal einen Blick hinüber zur Insel, dorthin, wo der Zoo liegt. Was lässt sich aus der Ferne schon erkennen? Dem Anschein nach wirkte alles ruhig und friedlich…

Infolge der Zauberei des Menschen, deren Schaden das Schaf traf und das die gierigen Wölfe roh zerrissen und gefressen haben, heulen die Wölfe bis heute in sieben Stimmen.

Es war einmal, es war einmal nicht: in einer gewissen Zeit, in einer unbekannten fernen Vergangenheit, vielmehr in unseren eigenen Tagen, lebte in einem Lande des afrikanischen Erdteils ein Stamm. Ihre Lebensumstände sind schlicht und einfach, denn sie wohnen in Hütten aus Lehm, deren Dächer mit Stroh gedeckt sind. Das heißt, jene Gemeinschaft unterschied sich wenig von der Urzeit, denn ihre hauptsächliche Beschäftigung war die Viehzucht. Sobald die Knaben sieben Jahre alt geworden sind, wird ihnen die Pflicht des Kuhhütens auf die Schultern geladen. Vom Dasein der Elektrizität, des Buches, der Schule, des Verkehrs, des Fernsehers oder des Rechners und des Internets hat niemand aus dem Volk jenes Stammes eine Vorstellung.

Dort besteht ein fester Brauch: jeder junge Mann, der das Alter der Reife erreicht hat, muss seine männliche Vollkommenheit beweisen. Seit Jahrhunderten hat niemand die Kraft, ihn zu bestreiten. Und darum bereitet sich jeder Knabe von der Halbwüchsigenzeit an darauf vor, die Forderung des Brauchs der Vorfahren zu erfüllen. Sowohl im Geiste als auch im Leibe. Genauer gesagt, bevor man ihm die Erlaubnis und die Weisung zur Heirat erteilt, muss jeder junge Mann mit einem Löwen, ja, ja, mit einem Löwen – dem König des Waldes – Kopf an Kopf treten, muss über das Tier den Sieg davontragen, das heißt, den Löwen auf jede erdenkliche Weise töten.

Diese Tat gilt als Sinnbild der Kühnheit, der Kraft und der Ehrenhaftigkeit eines jeden jungen Mannes des Stammes. Wenn er den erlegten Löwen als Bündel auf dem Rücken oder auf den Nacken geladen herbeikommt, erheben Klein und Groß des Stammes einen Ruf der Freude und des Stolzes. Denn die wichtigste Bedingung der Familiengründung ist erwiesen.

Nach und nach nimmt das Geschlecht der Löwen in jenem Gebiet ab. Die Staatslenker tragen den Löwen dem Willen des Stammes zum Trotz in das Rote Buch ein und erklären seine Tötung für verboten.

Doch wo denn! Der Brauch, das Zu-Tode-Bringen des Löwen, dauert ununterbrochen fort. Die jungen Männer des Stammes bringen nach dem Töten des Tieres den Einwand vor: „Ich trage keine Schuld, als ich mit Umherstreifen oder Früchtepflücken beschäftigt war, ist der Löwe von selbst über mich hergefallen. Und ich habe mich gezwungenermaßen zum Schutz meines Lebens erhoben…“

Ein toter Löwe hat keine Zunge, um zu bezeugen, ob die Behauptung wahr oder gelogen ist.

Arme Löwen! Die einen nehmen die Braut in die Arme und geben sich der Lust und dem Vergnügen hin, und die anderen opfern ihr Leben…

Am Abend, noch ehe die Sonne untergegangen war, wurde der Alte (die Leitung und die Angestellten des Zoos nannten ihn nur so, gleichsam nach einer Übereinkunft, denn dank seines Dienstes in den Reihen der Streitkräfte und später im Bestand einer Brigade für schnelles Eingreifen, wobei er sogar außerhalb des Landes Kampf und Schlacht erlebt hatte, war sein Leib fürs ganze Leben gehärtet, und mochte er auch aus Gewohnheit jeden Tag eine Strecke von zehn Kilometern zu Fuß zurücklegen, so war ihm keine Müdigkeit anzumerken, dazu aß er wenig und sprach wenig und schlief wenig), noch ehe er sein Arbeitszimmer betreten hatte, vom Generaldirektor angerufen:

– Alter, ich grüße Sie! Wo sind Sie?

– Auf der Schwelle meines Arbeitszimmers…

– Ich bitte Sie, helfen Sie, – die Stimme des Vorgesetzten klang beunruhigt.

– Was ist geschehen, steht die Welt in Frieden?

– Friede und Sicherheit. Nur brüllen die Löwen ohne Unterlass und die Tiger knurren… Die Bären winden sich hin und her, die Affen haben, als hätten sie sich miteinander beraten, ein Geschrei erhoben. Auch die übrigen Tiere scheinen unruhig…

– Gestern Abend waren sie doch alle ruhig und friedlich!

– Heute sind sie heftig aus der Fassung, darum legen Sie eilends alle anderen Arbeiten beiseite und erkundigen Sie sich nach dem Zustand der Tiere. Dass sie nur nicht irgendein Unheil heraufbeschwören. Ich bitte Sie…

– Ich gehe sofort… – und mit zerstreuter Miene schritt er auf die unzählige Reihe der großen eisernen Käfige zu – die Wohnstätte der Tiere.

Als er an Ort und Stelle den Zustand und das Verhalten der Raubtiere mit eigenen Augen sah, verschlug es ihm den Atem: sie waren in der Tat in Todesangst geraten. Nun erkannte er, dass jemand oder etwas sie in Schrecken versetzt hatte. Das begriff er rasch. Denn die Art und das Wesen der Tiere hatte er in seiner Jägerzeit gut erlernt, als er, nachdem er in einem der Kriegseinsätze eine schwere Verwundung davongetragen hatte und aus dem Dienst ausgeschieden war, in den Bergen und Wäldern diesem Gewerbe nachgezogen war. Die Kenner und die Aufmerksamen hingen der Ansicht an, der Alte habe die Feinheiten der Sprache eines jeden Tieres in sich aufgenommen und wisse ein „Gespräch“ zu führen und mit den sprachlosen Tieren eine „Sprache“ zu finden.

In der Tat war diese Vermutung und Ansicht, so wenig man ihr auch Glauben schenken mag, nicht ohne Grund. Auch diesmal warf der Alte Furcht und Erregung aus seinem Herzen, trat in die Käfige ein und hielt mit den Löwen und den Tigern und den Affen und den Wölfen und den Bären, einem nach dem anderen, geradewegs in ihre Augen blickend, sein „Gespräch“. Die zufälligen Zuschauer gerieten in Staunen darüber, wie dieser Mann den Mut findet und zu jenen aufgebrachten Raubtieren hineingeht und was er ihnen nur sagen mag. Es erschien ihnen über die Maßen sonderbar und wunderlich, und sie bissen sich vor Staunen in den Finger, dass auf irgendein Wort und Zeichen des Alten hin jene Tiere eines nach dem anderen von Geschrei und Wehklagen abließen…

Im selben Augenblick wurden sie ruhig, und irgendein trüber Gedanke bohrte sich in das Hirn des Alten; wie man sagt, zerrissen ihm Wölfe das Herz und zerstreuten seine Gedanken. Plötzlich fiel ihm etwas ein…

– Nein, – sagte der Drache – das Untier gab dem alten Mann für die Milch seiner Kuh jeden Tag zwei Schälchen Gold, – da du jedes Mal, wenn du mich siehst, deines Sohnes gedenkst, den ich zerrissen und hinuntergeschlungen habe, führe ich mir im selben Augenblick meinen Schwanz vor Augen, den dein Sohn, als er mich zu töten trachtete, mit dem Schwert abgeschlagen hat, und darum ist unsere Freundschaft dahin, – und er verschwand.

Der Premierminister hatte vor Jahren, zu der Zeit, da er Minister für Wirtschaft und Finanzen war, einen Freund, einen eingefleischten Jäger. Über eben dieses Vergnügen hatten sie sich aneinander gewöhnt und zogen von Zeit zu Zeit zwei Tage, bisweilen drei Tage lang der Jagdbeute nach.

Einmal kamen sie einem Wolfsbau gegenüber zu stehen. Ein paar Schritte davon entfernt sprangen und tollten die Wölfin und der Wolf und zwei Wolfsjunge sorglos auf der Wiese.

Der erfahrene, wettergeprüfte Wolf nahm, noch ehe die Jäger nahe herangekommen waren, den Geruch der Pferde und der Menschen und den Geruch der Waffen und der Kugeln wahr.

– Sieh nur, – sagte der Minister für Wirtschaft und Finanzen und wies auf die Wölfe hin, – mögen sie auch reißende Tiere sein, wie frei und froh und heiter und glücklich sie doch erscheinen.

– Ein Wolf ist ein Wolf! – lachte sein Freund und fügte hinzu. – Aus einem Wolfsjungen wird am Ende doch ein Wolf…

Und er nahm die Wölfin aufs Korn und gab einen Schuss ab. Als die Wölfin sich einen Augenblick wand und zu Boden stürzte, stieß er einen Ruf aus:

– Mitten durch die Stirn!

Der Wolf erhob sich zu ihrer Verteidigung. Er lief vor und knurrte mit hasserfüllten Augen. Der eingefleischte Jäger, in Eifer geraten, gab den nächsten Schuss auf das Tier ab. Diesmal ging sein Schuss fehl. Der Wolf warf sich zurück.

– Von diesem in Zorn geratenen Wolf werden wir jetzt nicht mehr loskommen, – sagte der Minister für Wirtschaft und Finanzen in mitleidigem Ton.

– Soll er doch machen, was er will! Wenn ihre Todesstunde gekommen ist, ist das etwa meine Schuld?!

Und er machte sich ans Zielen.

Die Wolfsjungen, die von der Heimsuchung des Lebens nichts wussten, fanden keine Möglichkeit, sich in ihren Bau zu flüchten, und wollten den leblosen Leib der Wölfin wecken, stießen mit den Pfoten an ihren Körper und winselten. Doch ach!..

– Komm, wir wollen uns nicht an ihnen versündigen!

Doch die Mahnung des Ministers für Wirtschaft und Finanzen blieb in der Luft hängen, und die Schüsse legten einen nach dem anderen die beiden unschuldigen Wolfsjungen blutüberströmt auf die Erde.

Als der Wolf das sah, knurrte er noch heftiger, ging noch weiter beiseite und stieß ein herzzerreißendes Heulen aus.

– Sonderbar, – sagte der eingefleischte Jäger, zu sich gekommen. – Bis zu diesem Augenblick hatte ich diese Art des Heulens nie gehört. Vielleicht empfindet kein Tier den Schmerz so tief und so brennend wie der Wolf…

– Ich habe nicht viel Erfahrung, doch mir scheint es so, als hätte er einen Ruf zum Himmel emporgesandt, und zugleich war sein Heulen eine Art Drohung gegen uns. Komm, machen wir uns beizeiten fort von hier.

Der eingefleischte Jäger schenkte dieser Rede keine Beachtung, warf den Leib der Wölfin und die Wolfsjungen in zwei Säcke und schleuderte sie über den Sattel seines Pferdes.

Sie schlugen den Weg zum Dorf ein. Ihre Pferde schritten mit gesenktem Kopf dahin.

– Diese Wölfe da, – brachte der eingefleischte Jäger hervor, um sich selbst zu trösten, – wenn sie in der Steppe oder am Fuße der Berge einen Menschen allein antreffen, fallen sie mit dem ganzen Rudel über ihn her; sie lauern auf den Augenblick und reißen zur Nachtzeit den Schafen der Herde den Bauch auf…

Der Minister für Wirtschaft und Finanzen sah plötzlich, dass der Wolf, sich windend und windend, hinter ihnen herkam. Ihm sank das Herz.

„Gott möge es zu einem guten Ende führen, – ging es ihm durch den Sinn. – Warum überhaupt bin ich heute mit diesem Menschen auf die Jagd gegangen? Seit dem Morgen zuckt mir das linke Auge.“

Zwei Stunden später erreichten sie das Ufer des Flüsschens. Er blickte zurück. Der Wolf war dem Anschein nach nicht zu sehen.

– Da, wir sind im Dorf angelangt. Gleich waschen wir Hände und Gesicht und essen, – tat der eingefleischte Jäger auf dem ganzen Rückweg zum ersten Mal den Mund auf.

– Ich danke dir, gewiss. Doch ich muss fort.

Das Flüsschen, dessen Wasser klar und übermütig war, stieß von Stein zu Stein, wogte und lief eilig dem Tale zu. Sein Lied ließ die Umgebung widerhallen.

– Sobald ich zu Hause bin, geleite ich Sie hinaus, wetze das Messer am Schleifstein und ziehe diesen Wölfen das Fell ab. Ihr Fleisch gebe ich meinen Hunden. Ihre Häute salze ich und hänge sie in den Schatten. Ihr Pelz ist teuer…

Seinem Gefährten kam der Gedanke, dass der Wolf nahe sei und heule. Aufmerksam heftete er den Blick nach hinten. Der arme Wolf, der in einem einzigen Augenblick allein zurückgeblieben war, war ihm nicht zu sehen…

Etwa zehn Tage später brachten die Zeitungen einen Bericht über ein unerhörtes Ereignis in Druck. Der Minister für Wirtschaft und Finanzen las ihn und glaubte ihn nicht. Da sie seit Jahren miteinander bekannt waren und Brot und Salz geteilt hatten, nahm er ein Gastgeschenk und fuhr hin, um den eingefleischten Jäger zu besuchen. In dem Augenblick, da er zusammen mit dem Fahrer den Hof jenes eigensinnigen Freundes betrat, hörte er nicht wie gewohnt das Gebell der beiden furchterregenden Hirtenhunde an der Kette. Ehe er Zeit fand, sich zu wundern, fiel sein Blick auf den Jäger, seinen Freund. Der lag auf der Seite auf einer Pritsche und döste.

– Salom alaikum! – trat der Minister ein, um zu fragen, wie es ihm gehe.

Der Jäger rührte sich nicht von der Stelle, er gab auch keinen Laut von sich. Nur mit seinen großen, großen, erstarrten Augen blickte er, als wäre er blind, ohne zu blinzeln, zu dem Gast hin. Statt den Gruß zu erwidern, lachte er.

In diesem Augenblick trat seine Frau aus dem Innern des Hauses. Sie schien wie von Trauer geschlagen. Nach einem etwas kühlen Gruß brachte sie einen Stuhl und lud den Freund ihres Mannes ein, sich zu setzen.

– Sein Zustand ist der: nur lachen oder schweigen. Ich weiß nicht, wann er zu sich kommt.

– Was ist geschehen? – fragte der Minister.

Die Frau ließ den Blick zu ihrem Mann hinüberlaufen und versank ein wenig in Gedanken.

– In jener Nacht blies ein überaus heftiger Wind. Die Stämme der Bäume bogen sich und richteten sich wieder auf und krachten. Die Kinder schliefen in ihrer Kammer, mein Mann und ich in unserer, und mein Töchterchen war in der Wiege bei uns. Am Morgen wachte ich auf. Ich tastete umher, und es verschlug mir den Atem: die Wiege war leer; ich machte Licht, ich durchsuchte das Bettzeug, ich fand das Kind nicht. Ich erhob ein Schreien und Wehklagen und riss meinen Mann aus dem Schlaf.

In diesem Augenblick drang das Heulen eines Wolfes an unser Ohr. Wir beide blieben starr. Wir blickten aus dem Fenster hinaus. Der Wolf stand mitten im Hof. Dem Anschein nach wartete er darauf, dass wir herauskämen. Mein Mann nahm die Jagdflinte zur Hand und stürzte hinaus. Ich hinter ihm her… Mein Gott! Was für ein schreckliches Bild lag da offen vor unseren Augen: der Wolf hatte seine linke Pfote auf den Bauch des in Windeln gewickelten Kindes gesetzt, zeigte seine Zähne und knurrte. Zuerst blieben wir beide starr. Dann gab mein Mann in der Hoffnung, den Wolf zu erschrecken, einen Schuss in die Luft ab. Der Wolf geriet nicht einmal in Furcht, er rührte sich nicht einmal von der Stelle. Unser Töchterchen weinte nicht, es gab nicht den geringsten Laut von sich, an dem wir hätten erkennen können, ob es tot war oder lebendig. Dann nahm der Wolf plötzlich die Pfote vom Leib des Kindes, setzte sich auf die beiden Hinterläufe und heulte lang und lang, knurrte schließlich noch ein Mal und ging unerwartet zum Tor hinaus. Langsam, langsam, wie voller Stolz, wie zur Schau… Ich lief rasch zu meinem Töchterchen und hob es vom Boden auf, ich merkte, dass es schlief, dass es atmete, und sprengte ihm rasch Wasser ins Gesicht, es könnte ja erschrocken sein…

Mein Mann schleuderte die Flinte mit aller Kraft in das Saatfeld hinaus und stieß einen Ruf aus:

– Ich bin die Bestie! Der Wolf ist menschlicher…

Und er setzte sich auf die Erde und lachte.

Von jenem Augenblick an hat er kein einziges Wort mehr über die Lippen gebracht. Als wäre er von der Lehre, die der Wolf ihm erteilt hat, stumm und sprachlos geblieben…

Der Minister erhob sich von seinem Platz.

– Haben denn die Hirtenhunde den Wolf nicht angegriffen? – fragte er.

– Erst nachdem wir zu uns gekommen waren und das Kind gerettet hatten, bemerkten wir, dass der Wolf beiden Hunden die Kehle zerbissen hatte…

Die Frau warf völlig hoffnungslos einen Blick zu ihrem Mann hinüber.

– So Gott will, wird er geheilt, – sagte er.

Und er trat hinaus. Sein Kopf gesenkt.

Der Minister hielt sich selbst für einen der Schuldigen an dieser Tragödie – der Tragödie des Wolfes und des eingefleischten Jägers…

Da geriet der Alte selbst in einen heftigen Strudel des Entsetzens. Zwischen Wasser und Feuer geraten, wusste er nicht, welches Mittel er suchen, wen er zu Hilfe rufen oder wen er um Rat fragen sollte. In seinem Arbeitszimmer schritt er ohne Unterlass hierhin und dorthin und dachte nach. Er begriff durchaus nicht, was für ein unerhörtes Ereignis sich hier überhaupt zutragen konnte. Und wohin das Ganze am Ende führen würde. Wie eine Schlange, die zwischen brennende Flammen gefallen ist, wand er sich innerlich hin und her. Er fühlte, dass irgendein Unheil oder irgendeine Tragödie nahte und dass sich kein Mittel finden ließ, ihr den Weg zu verlegen. Er kam nicht dahinter, was der Anlass sein könnte. Oder wer?..

In diesem Augenblick gab sein Telefon einen Laut von sich.

Er erkannte die Ziffern – sein Enkel rief an. „Ein Glück!“ – ging es dem Alten durch den Sinn.

– Hallo! Großvater, sei gegrüßt! – die Stimme Schervons klang ihm beunruhigt.

– Hier bin ich, mein lieber Junge! – gab er zur Antwort und nahm sich zusammen, denn irgendeine Hoffnung auf Rettung aus dieser verschlossenen Lage fand den Weg in seine Gedanken.

– Sind Ihre Gesundheit und Ihre Geschäfte wohlauf?

– Ich danke dir! Wo bist du jetzt?

– Ich? Zu Hause, ich habe frei.

– Es ist doch ein Arbeitstag…

– Die ausländischen Einrichtungen richten ihre Tätigkeit nach dem Kalender ihres eigenen Landes.

– Wenn das so ist, kannst du zu mir kommen?

– Wenn es nötig ist, warum nicht. In etwa vierzig Minuten bin ich zur Stelle.

– Sehr gut. Ich danke dir, mein lieber Junge!

– Nicht der Rede wert. Ist denn etwas geschehen?

– Nein, vorerst nicht… Das Übrige besprechen wir von Angesicht zu Angesicht…

– Nun denn, auf Wiedersehen! – die Verbindung brach ab.

Nun verzehrte der Alte innerlich sein eigenes Blut und machte sich Vorwürfe. Aus dem einfachen Grunde, warum er sich so kurzsichtig zeige und seinen Enkel Schervon in diesen unbekannten Lauf ohne Kopf und Ende hineinziehe. Dass nur kein Unheil auf sein Haupt herabfalle. Der Herr ist voller Gnade, so Gott will, möge er ihn unversehrt in seinem Schutze bewahren!..

Er trat hinaus. Er sah, dass über die sechs Übergänge der beiden Ufer, die die Insel mit der Metropole verbinden, das Kommen und Gehen von Hunderten von Menschen, besonders von Halbwüchsigen und jungen Leuten, nicht abriss. Gewiss, mit jener Menge, die sich an den Samstagen und Sonntagen über den Zoo ergießt, ließ sich das nicht vergleichen. Einige Augenblicke lang lauschte er zu den Käfigen hinüber. Nein, er hörte die Stimme keines einzigen Tieres.

Er beschloss, außerhalb der Insel, am Wegrand, auf seinen Enkel zu warten und dann mit ihm an den Rand des Ufers zu gehen, wo ein Kaffeehaus liegt, und sich dort zu setzen.

– Jedenfalls weiter fort vom Unheil, – flüsterte der Alte.

Und er konnte sich nicht einmal vorstellen, was er im Sinne hatte, wenn er „Unheil“ sagte, und, sollte das Zeugnis seines Herzens sich als wahr erweisen, von woher jenes Unheil kommen würde, ob es aus dem Grunde der Erde aufsteigt oder vom Himmel herabfährt…

– Du wolltest die Prinzessin nicht heiraten und nicht König sein, du hast darauf verzichtet, der Schwiegersohn des Gärtners zu werden, der dank dir reich geworden ist, dein Verstand reichte nicht dazu aus, den kostbaren Diamanten aus dem Schlund des Fisches zu holen, einen dümmeren Menschen als dich werde ich also auf der Welt nicht finden! – und der Löwe, dessen Heilmittel gegen sein Kopfweh darin bestand, das Hirn eines Begriffsstutzigen zu fressen, zerriss den Bauern roh und wurde geheilt…

Es war einmal, es war einmal nicht: an einem Ort dieses Landes, ein wenig weiter fort von der Metropole, lebte ein Bärenführer, ein Mann von gutem Auskommen und von Fleiß. Jener Mensch liebte dieses sprachlose Tier über die Maßen, da es ihm vor Jahren von seinem gottseligen Vater als Erbe hinterlassen worden war.

Auch der Bär hatte sich in jener Zeit an jenen Mann gewöhnt und setzte den Fuß nicht über die Linie hinaus, die dieser gezogen hatte. Sagte er, setz dich, so setzte er sich; befahl er sanft mit einem Steh auf, so erhob er sich von der Stelle; gebot er, steh gerade, so richtete er sich auf zwei Beinen auf; sagte er, dreh dich, so drehte er sich mit Eifer und Lust; nahm er das Wort Beifall in den Mund, so schlug er die Tatzen zusammen, er tanzte sogar, kurzum, sie verstanden einander an Zeichen oder an bestimmten Worten.

Bisweilen gingen sie in die Wohnviertel, auf die Plätze und Alleen, richteten vor Zuschauern verschiedenen Alters ein Programm her und stellten ihre Kunst zur Schau. Am Ende gaben die Leute dem Verstand des Bären ihren Beifall und schenkten aus Freundlichkeit und Feinheit und Dankbarkeit Münzen und Papiergeld. So blieb der Mann zufrieden und der Bär war es ebenso.

Die beiden waren in solchem Maße berühmt, dass ihre Bilder sogar vielfach in Zeitungen und Zeitschriften erschienen und manche sie zur Hochzeit oder zur Beschneidungsfeier ihrer kleinen Söhne einluden, damit sie den Gästen ihre Fertigkeit vorführten. Auf diese Weise sicherte jener Mann seinen Lebensunterhalt und hielt den Bären für ein Mitglied der Familie mit vollem Recht.

Einmal führten jener Mann und der begabte, an die schaulustige Natur der Menschen gewöhnte Bär bei der Feier für das siebenjährige Kind eines armen Mannes ihre Kunst vor. Die Augen von Klein und Groß, von sieben bis siebzig Jahren, blitzten beim Anblick der Fertigkeit des Bären auf und gerieten in Lust und Aufwallung. Die Freude des Gastgebers darüber, dass es ihm gelungen war, die Leute seines Wohnviertels zusammenzubringen, kannte weder Maß noch Rand, und er brüstete sich mit diesem Zustand.

In diesem Augenblick kam ein anderer Mann, er war ein wenig angeheitert. Noch ehe der den Mund aufgetan hatte, zog der Gastgeber den Herrn des Bären beiseite und warnte ihn:

– Nimm dich in Acht, jener Mensch ist ein böser Trinker und ein Schuft, ein Spieler ohnegleichen, und sein Hochmut und sein Dünkel sind groß.

Der Bärenführer ließ sich nichts anmerken, sagte mit einem Nicken des Kopfes „gut so“ und lächelte. Als er zurückkam, machte jener Mann, weil man ihm sein noch nicht begonnenes Gespräch zerschlagen hatte, ein wenig gekränkt einen Vorschlag:

– An dem und dem Tage richte auch ich ein Fest aus. Ich will, dass du deine Kunst zeigst.

– An dem und dem Tage kann ich nicht, denn ich bin bei einer anderen Hochzeit gebunden, ich habe es beizeiten versprochen.

Die Antwort behagte dem Betrunkenen nicht.

– Ich zahle den Betrag doppelt! Sei einverstanden.

– Das ist nicht möglich. In die Hochzeit eines anderen Menschen, mag er auch arm sein, Störung zu bringen und ihm das Herz zu kränken, ist Schande und Sünde. Auch er hat uns voller Hoffnung in sein Haus gebeten.

– Sei einverstanden, den Lohn deiner Mühe zahle ich dreifach, für dich und deinen Bären lasse ich einen eigenen, überreich gedeckten Tisch bereiten, Geschenke gebe ich dazu! – so bestand er noch immer darauf.

– Nein, ich kann nicht.

– Warum? Behagt dir viel Geld nicht?

– Dein Wesen ist mir nicht gefällig.

– Was geht dich mein Wesen an? Du bist ein Possenreißer, ein Knecht, ein Esel, der auf jeden Zuruf „hier bin ich“ antwortet! Weiter nichts! Du hast kein Gewicht! Wenn ich will, bringt man dich und deinen Bären auf einen Wink meines Fingers in Ketten geschlagen herbei, und ihr werdet tanzen, und wenn ihr dabei sterbt! Hast du verstanden?!

– Erschrecke mich nicht, und lass auch das Drohen und Poltern. Komm, besser, wir fragen den Bären, ob er einverstanden ist oder nicht. Sagt er „ja“, so suchen wir ein Mittel. Und wenn nicht…

– Den Bären? Dieses Vieh da?

– Dieses Tier ist mein selbstloser Freund.

– Hast du etwa deinen Verstand aufgefressen, dass du dich mit einem Tier berätst?!

– Wenn du nicht willst, steht es dir frei.

– Meinetwegen, hol der Teufel dich und deinen fahlen Bären. Frag ihn! Nun, sehen wir, was für ein Laut herauskommt.

Der Bärenführer sah, dass die Leute ringsum, die Gäste der bescheidenen Hochzeit, den Streit und das Ringen zwischen ihm und dem angeheiterten Mann und nun auch den Bären mit vollem Anteil verfolgten. Er, der in seinem Leben schon oft in eine solche Lage geraten war, verlor keineswegs Hand und Fuß. Das Wesen seines Bären kannte er gut und genau.

– Lieber Freund! Willst du zur Hochzeit dieses Menschen gehen und ihm dienen?

Der Bär blickte einige Augenblicke lang gleichsam prüfend zu jenem Fordernden hinüber. Doch er blieb stumm.

– Gib Antwort, ich bitte dich! Schäme dich nicht, sei kühn!

– Verrückt bist du, bei Gott, verrückt bist du! – sagte der angeheiterte Mann.

In diesem Augenblick stampfte der Bär mehrere Male mit der Tatze auf die Erde, dann knurrte er zornig ein wenig, und schließlich sagte er mit einem Zeichen des Kopfes gleichsam „nein, ich will nicht!“

Darüber klatschten die Leute Beifall. Manche riefen voller Freude „bravo!“. Der Zorn des Betrunkenen, der schon sehr nüchtern geworden war, stieg auf.

– Fluch über den Vater eines Bären wie du! Du und dein Herr, ihr kennt mich nicht und habt eure Wäsche noch nicht mit meiner Seife gewaschen!..

Noch war die Drohung nicht zu Ende, da knurrte der Bär lauter. Jener Mann geriet in Verwirrung, hielt sich für beschimpft und ging brummend aus dem Kreis hinaus… Der Herr warf dem Bären einen Zuckerhut in den Rachen.

Unterdessen ging einige Zeit dahin. Jedes Mal, wenn dem Bärenführer jenes Gespräch mit dem angeheiterten Menschen zufällig einfiel, fühlte er sich unbehaglich. Und es verging mehr als ein Jahr, und auch dessen Gestalt und Erscheinung und seine Drohungen verwischten sich. Nur wusste er nicht, dass das widerwärtige Gesicht jenes edlen Herrn, der Wein und Spiel miteinander vermengte und sich auf der Straße des Lebens für einen Erfolgreichen hielt, für alle Zeit auf der Tafel des Gedächtnisses des klugen Bären zurückgeblieben war…

Doch wider alles Erwarten kamen jener angeheiterte Mann und seine zwei Zech- und Spielgenossen unversehens. Das Tor des Hofes des Bärenführers, dessen Kette offen war, stieß er mit dem Fuß auf. Die Frau des Hausherrn, die unter der Veranda beschäftigt war, fuhr in die Höhe. Und als sie die ungeladenen Gäste sah, geriet sie in Staunen.

– Wo ist der Bär? – fragte ohne Gruß und Gegengruß der auch jetzt betrunkene Mann.

Die kluge Frau sah, dass dem Mann das Blut in die Augen gestiegen war und dass seine Absicht ohne Segen war; dessen ungeachtet verlor sie sich nicht:

– Da, unter dem Nussbaum, an der Kette…

Der Herr des Bären hörte die Stimme des Mannes und kam selbst heraus.

– Nun gut, – sagte er. – Was willst du?

Sein alter, sinnlos betrunkener Widersacher zog plötzlich aus dem Gewand eine Pistole hervor.

– Gleich wirst du es sehen! – drohte er. Und er lachte laut auf. – Ich schieße dir durch den Mund, dann findest du keine Zeit mehr, dich mit deinem Bären zu beraten, und ihr werdet auch nicht mehr über mich lachen. Immerhin gebe ich dir die Möglichkeit, das Glaubenswort zu sprechen und Buße zu tun.

Er richtete den Lauf der Waffe gerade auf das Gesicht des Herrn des Bären.

In diesem Augenblick knurrte der Bär.

– Zieh nicht den Zorn Gottes herbei! – warnte der Hausherr beherzt.

Das Knurren des Bären erklang lauter.

– Mag er auch ein Vieh sein, er wittert doch den Tod seines Herrn, nicht wahr? – er blickte zu seinen beiden Gefährten hin. – Habt ihr gesehen, was für einen Laut er von sich gibt. Und ihr habt noch, als wir unsere Wette schlossen, gezweifelt, wie denn ein Bär die Rede eines Menschen begreifen sollte!

– Wir glauben dir, was du gesagt hast, komm, lass es gut sein, Kamerad, dass du uns nur nicht irgendein Unglück auf den Kopf heraufbeschwörst, – so wollte einer seiner Gefährten ihm den Weg verstellen.

– Nein! Ich habe mit euch gewettet, dass ich ihn mit einem einzigen Schuss zu Boden strecke! Von meinem Wort weiche ich nicht ab. Nun, Bärenführer, zeig deine Kunst! Mach den Bären von der Kette los! Ein Leben lang war er um deiner Gier willen gefesselt, so soll er sich wenigstens vor dem Sterben in Freiheit fühlen…

– Zieh nicht den Zorn Gottes herbei, sage ich!

– Lass Gott in Ruhe beiseite! Komm, geh voran!

Notgedrungen schritt der Mann auf den alten Nussbaum zu. Gegen einen Betrunkenen mit einer Waffe in der Hand wusste er kein Mittel zu suchen. Er nahm den Ring der Kette vom Halsband des Bären. Das Tier hob den Kopf und heftete den Blick auf seinen Herrn, offenbar war es in Staunen geraten. Dann scharrte es mit der rechten Vorderpranke mehrere Male die Erde.

– Seht doch! Er will sich selbst ein Grab schaufeln! – lachte der Betrunkene. – Tritt zur Seite! – rief er zum Herrn des Bären hin. – Und sieh zu, wie dein vierbeiniger Freund von einem einzigen Schuss stirbt! Ein Glück, dass wir nicht zuerst dich getötet haben.

Und er ging auf die Knie und nahm die Stirn des Bären aufs Korn. Der Bär blickte gerade und ohne Furcht auf die Pistole. Plötzlich richtete er sich auf den beiden Hinterläufen auf.

Der Betrunkene gab einen Schuss ab. Sei es aus Furcht, sei es in der Absicht, das Tier mit einem einzigen Schuss zu Boden zu strecken. Und wohl zitterte ihm die Hand, denn sein Schuss ging fehl. Der Bär geriet in Zorn und riss mit einem einzigen Sprung mit eben jener rechten Vorderpranke dem Betrunkenen die Kehle auf. Das Blut sprang hervor. Der Bärenführer und seine Frau blieben, da das Unglück so unversehens geschah, stumm und fanden nicht die Kraft, einen Schrei auszustoßen.

Der Weinsäufer und eingefleischte Spieler röchelte, in Blut ertrunken, und rang mit dem Tode.

Der Herr des Bären sah, dass von jenen beiden Gefährten weder Spur noch Schatten geblieben war…

Nicht lange danach kamen ein Untersuchungsbeamter der Polizei und zwei andere Bedienstete. Zuerst machten sie ausführlich Aufnahmen. Dann durchsuchten sie die Taschen des Spielers. Zwei Bündel Geld kamen zum Vorschein.

– Das hier gehört Ihnen, – sagte der Untersuchungsbeamte und streckte dem Herrn des Bären ein Bündel Geld hin.

– Wofür? – wunderte er sich.

– Nehmen Sie, nehmen Sie, das ist die Buße für die Drohung und die Gewalt.

– Nein! – hörte er zur Antwort. – Wozu brauche ich sein unrein erworbenes Geld. Wenn Sie es nicht gebrauchen können, geben Sie es seiner Familie…

Auch der „Rettungsdienst“ traf ein.

– Bringt den Leichnam ins Leichenhaus! – befahl der Untersuchungsbeamte…

Der Menschensohn machte im Innern des Waldes den Löwen – den König der Tiere – mit einer List zum Gefangenen eines Käfigs, und der Löwe brüllte aus aller Kraft, doch keines der Tiere eilte ihm zu Hilfe…

Der Großvater und der Enkel, beide mit zerstreuten Sinnen, tauschten einen kurzen Gruß und schlugen schweigend den Weg zum Ufer ein. Keiner von ihnen fand, da sie in trübe Gedanken verstrickt dahingingen, den Mut, unterwegs ein Wort über die Lippen zu bringen. Es war, als fürchteten sie, dass, wenn sie den Mund auftäten, gleich in diesem Augenblick sämtliche Bewohner der Metropole in Aufruhr gerieten und der Fluss, der so gleichmäßig dahinströmt, mit einem Schlag sein Bett änderte. Oder, schlimmer noch, dass der Himmel auf die Erde herabstürzte und der Jüngste Tag anbräche…

Sie gelangten zum Kaffeehaus am Ufer. Der Alte wählte eine entlegene, menschenleere Ecke, und der Enkel trat hinter dem Großvater her. Sie setzten sich an einen Tisch und bestellten Kaffee. Als der Kellner den Kaffee brachte, bezahlte der Alte im Voraus, damit ihr Gespräch nach Belieben und in Ruhe vor sich gehe.

Vom Ufer des Flusses standen die Insel und der Zoo offen vor ihren Augen. Der Alte blickte in eben jene Richtung.

– Nun, Großvater, zu welchem Schluss sind Sie gekommen? – dem Enkel lief endlich die Schale seiner Geduld über, und er begann zu reden.

– Zu keinem! – sagte der Großvater und erzählte von dem Gespräch, das er am Morgen mit den Löwen und den Wölfen und den Tigern, den Füchsen und den Affen und den Leoparden und den Schakalen und den übrigen Tieren geführt hatte.

Und wieder versank er einen Augenblick lang in Schweigen.

– Die Tiere haben von ihrem Geschrei und ihrer Todesangst abgelassen, wo ist da also der Grund zur Sorge? – fragte der Enkel und stieß dann, als wäre er im Schlaf gewesen und eben erwacht, einen auch ihm selbst unerwarteten Ruf aus: – Großvater! Jetzt erst hat mein Verstand es gefasst! Kennen und verstehen Sie denn tatsächlich die Sprache jener Tiere, und sind auch sie mit Ihrer Sprache vertraut?

Der Alte schwieg noch immer, offenbar lauerte er auf den Augenblick, da die günstige Gelegenheit käme und er sein Hauptwort enthüllen könnte.

– Oder erzählen Sie mir ein Märchen, Großvater? – wohl spürte der Enkel das Schwanken, und darum bohrte er nach.

– Nein, mein lieber Junge, nein! Wäre es doch ein Märchen, dann säßen du und ich jetzt vollkommen sorglos hier, wir hätten unsere Freude am Lied des Flusses, wir hätten das Gefühl der Gefahr von uns geworfen und gerieten nicht in Schrecken über dem Gedanken, was morgen oder übermorgen über unsere Häupter kommt.

– Ihre Rede klingt über die Maßen rätselvoll, Großvater! – sagte Schervon.

– Verstehst du, die Wahrheit gesagt, ich fürchte mich, den Mund aufzutun.

– Warum? Hier in der Runde hört niemand unser Gespräch. Seien Sie ganz beruhigt.

– Als drinnen in den Käfigen unser Wort, wie man sagt, gar geworden war und die Tiere das Schweigen wählten, ging ich hinüber in den Garten des Zoos, um dem Aufruhr in meinem Herzen und in meinem Hirn ein wenig Linderung zu verschaffen und mich zusammenzunehmen. Zugleich schob mich irgendeine unsichtbare Kraft in eben jene Richtung. Ich umfing einen Baum, damit mein Leib und meine Seele frischen Odem fänden…

Der Alte heftete den Blick, gleichsam zur Bekräftigung der Wahrheit seiner Erzählung, zum Garten des Zoos hinüber. Der Enkel konnte in seinem Nachsinnen das Auge nicht vom Großvater lösen.

– In diesem Augenblick drang mir von einem Ast des Baumes ein Laut ans Ohr. Ich sah, dass zwei Eulen dicht nebeneinander saßen und sich, ohne von meiner Gegenwart zu wissen, über mich beklagten, genauer gesagt, sie lachten über meinen Zustand.

– Schlafe ich oder wache ich, Großvater?

– Wärest du es doch, mein lieber Junge! So, nun höre die Fortsetzung des Gesprächs der Eulen. Die eine der Eulen sagte: „Ein rechter Dummkopf und Tölpel, ein einfältiger und blöder Mensch ist dieser Mann!“ Die andere fügte hinzu: „Wäre er nicht ein Begriffsstutziger, hätte er sich denn täuschen lassen und der Rede der Tiere geglaubt?“ Die erste Eule fügte hinzu: „Diese Tiere, dem Anschein nach Raubtiere und in Wahrheit vor Angst erstarrt, haben ihr Herzensgeheimnis nicht aufgetan, sie sind stumm geblieben, und darum hat der unwissende Mann den Weg verloren.“ Die zweite Eule sagte: „Wenn auch über dein Haupt in jeder finsteren, schwarzen Mitternacht acht, zehn stämmige und hochgewachsene Ghule kämen, mit kräftigen Armen, mit Leibern von oben bis unten voller Haar, und aus ihren Augen Feuer sprühten und Schrecken erregten, so bliebe deine Zunge gelähmt, oder du würdest stumm!“ Die erste Eule brachte das Gespräch zu Ende: „So ist es, der Mann, der von dem Einfall der Ghule nichts weiß, ist beruhigten Herzens aus dem Käfig hinausgegangen. Wobei doch die Ghule an diesem Morgen wiederkommen und die Türen der Käfige öffnen und hineintreten…“ Das sagten sie, und die Vögel schlossen die Lippen…

Schervon blinzelte vor maßlosem Staunen mit offenen Augen nicht und fand kein Wort, das er auf die Lippen hätte bringen können. Was für Eulen? Was für Ghule? Warum bedrohten sie die Tiere? Und überhaupt, woher kommen jene Ghule? Sind sie Gespenster oder Geister?..

– Ich weiß nicht, wer sie sind, was sie sind und woher sie kommen…

– Gott bewahre! Mein Gott! Können Sie denn, Großvater, auch meine Gedanken, das heißt die der Menschen, lesen oder hören? Wenn ja…

– Nein, mein lieber Junge, woher denn? Ganz und gar zufällig…

– Was tun wir nun?

– Ich weiß es nicht. Ich stehe mitten auf einem Kreuzweg in der Schwebe.

– Vielleicht geben wir dem Leiter des Zoos Nachricht…

– Hmm… Der lacht über uns. Er wird meine Vermutung für Geschwätz halten.

– Schreiben wir dem Stadtoberhaupt oder noch höher, dem Premierminister… Gesetzt, jene Ghule bestehen wirklich und haben irgendeine böse Absicht gefasst. Was dann?

– Dann halten das Stadtoberhaupt und der Premierminister dich und mich für verrückt.

– Aber wir müssen doch irgendeinen Schritt tun!

– Nein!

– Warum nicht, Großvater?

Und der Großvater und der Enkel blickten zum Fluss hin. Doch sie hatten keinerlei Hoffnung, dass das strömende Wasser den Seufzer ihres Herzens hörte und den Staub ihrer Seele fortwüsche.

Der Hahn krähte, und der zum Sprung bereite Löwe floh; der Esel, der bei dem König der Hühner war, wurde kühn und jagte dem König des Waldes nach… ein wenig später kehrte der Löwe um und fiel über den Esel her…

Es war einmal, es war einmal nicht, und aller Wahrscheinlichkeit nach ist es wahr, dass jahrelang auf dem Gelände des Großen Zirkus ein Hund lebte, ein gewöhnlicher Hirtenhund. Das Tier hielt sich für den Herrn des Gebäudes innen wie außen und lief ungehindert hierhin und dorthin. Gutherzige Menschen brachten diesem stillen und harmlosen Hund von zu Hause Knochen und übriggebliebene Fleischstücke. Das heißt, sein Bauch war immerfort satt. Darum empfing er am Morgen die meisten Angestellten des Zirkus mit wedelndem Schwanz. So waren sie zufrieden, und zugleich war auch der Hund beruhigt.

Niemand erinnert sich daran, wie und woher der Hund an diesem Ort aufgetaucht ist oder wer ihn gebracht hat. Dessen ungeachtet hatten sich Klein und Groß an dieses Tier gewöhnt.

Von Zeit zu Zeit trat der Hund in das Tierhaus des Zirkus ein und erhob hinter den Gittern gegen die Bären und die Wölfe, die Löwen und die Tiger scheinbar kühn seine Stimme mit einem Kläff-Kläff. Keines dieser Tiere schenkte dem Lärm des Hundes Beachtung.

Nach und nach schloss er allein mit dem Tiger Freundschaft. Fortan ging er geradewegs zum Gitterhaus des Tigers. Und sie machten sich an ein Gespräch, denn sie verstanden einander die Sprache.

– Ein rechter Faulpelz von einem Geschöpf bist du! – hielt ihm einmal der Hund vor. – Wann immer ich komme, sehe ich, dass du lang ausgestreckt daliegst und schläfst oder ins Schweigen versunken bist…

– Und womit soll ich mich deiner Meinung nach beschäftigen? – fragte der Tiger.

– Woher soll ich das wissen? Du bist doch ein Tiger. Richte deine Gestalt auf, schüttle dich.

– Und dann?

Der Hund brachte kein weiteres Wort über die Lippen. Verwundert blickte er zu seinem Gefährten hin.

– Ich war einst tatsächlich ein Tiger. Mein Schrecken, mein Gebrüll brachte die Umgebung zum Zittern. Du kannst dir nicht vorstellen, wie eifrig die Leute meiner Kunst Beifall klatschten. Wenn ich sprang, wenn ich durch den brennenden Reifen setzte oder auf die große Kugel stieg und sie im Kreise rollen ließ…

– Warum trittst du jetzt nicht mehr auf die Bühne? – fragte der Hund.

– Wer lässt mich denn, du Begriffsstutziger? Der frühere Dompteur kommt nicht einmal in meine Nähe. Genauer gesagt, er hat mich ganz und gar vergessen.

– Sei nicht traurig…

– Wo wäre da Grund zur Klage. Ich bin alt geworden. Ein gebrechlicher Greis! Auch meine paar Kinder fragen nicht nach mir. Ihr Werk und ihre Sorge sind die Bühne und das Springen und Setzen. Sie sind trunken vom Ruhm!

– Dein Bauch ist doch satt und dein Kummer fern? Oder sitzt du hungrig da?

– Nein, Gott sei Dank, von Zeit zu Zeit werfen sie mir das Fleisch dieses oder jenes verendeten Tieres hin.

– Ja, wenn du nicht um einen einzigen Bissen betteln musst, ist es gut, – sagte der Hund.

– Was bleibt sonst für ein Mittel… Ich warte.

– Hier ist der Zirkus, Kamerad. Magst du auch ein Tiger sein, warte.

– Worauf warten?

– Auf den Tod warten!

– Auf den Tod?

– Ja, Kamerad. Sobald du verendet bist, stopfen sie deine Haut mit Stroh aus und stellen deinen Balg in einem Museum auf. Dein Fleisch geben sie den anderen Tieren. So ist die Welt des Zirkus. Sei du nicht traurig…

Einst gab es auf dem Gebiet der Metropole Hunderte von Bibliotheken und prächtigen Buchhandlungen. Nach und nach wandten sich die Leute von dieser seltenen gesellschaftlichen Entdeckung ab und nannten sie „unnützes Überbleibsel“; die Umstände zwangen sie dazu, und notgedrungen las eine gewisse Sorte das „elektronische Buch“. Andere lieferten ihren Besitz von Tausenden von Bänden als Altpapier ab und bekamen Pfennige dafür. Und sie blieben wohlgemut, weil sie die überflüssige Last aus ihrem Hause losgeworden waren.

Das Glück oder das Unglück dieser Sorte von Menschen bestand darin, dass sie plötzlich entdeckten: auch ohne ein Buch zu lesen, ist es möglich, Herr von prunkvollen Wagen zu werden, von Bündeln und Bündeln mühelosen Geldes, von vielgeschossigen Palästen voller Aufwand, von hohen Ämtern. Der Rausch und die Süße des Lebens lagen hier verborgen, und wir Einfältigen haben nichts davon gewusst! Und sie hielten sich für die Säule der Welt…

An der Stelle der Bibliotheken erhoben sich zeitgemäße Super- und Hypermärkte. Vom Buch blieb die Erinnerung, und damit basta!

Ein hundertfünfundzwanzigjähriger Lehrer ging der Forderung und der Mode der Zeit nicht nach. Er kaufte alte Bücher und Handschriften und bewahrte sie auf. Mit dem Lauf der Zeit verwandelte sich seine luftige Bibliothek in einer fernen Provinz in einen sehenswerten Ort, sozusagen in ein Museum des Buches. Den Halbwüchsigen und den jungen Leuten, die hin und wieder Anteil zeigten und eigentlich kamen, um die Zeit totzuschlagen, erzählte er mit vollem Eifer und voller Lust. Wenn er dieses oder jenes seltene Buch in die Hand nahm, zitterte ihm vor Erregung die Hand.

Jene zufälligen Zuschauer lachten über den elenden Zustand des alten Lehrers und gingen aus seinem Museum hinaus. Der Herr der Bücher beruhigte sein Herz mit den Worten „immerhin sind ein paar gekommen, sie haben vom Dasein des Buches erfahren, und das ist schon viel“ und ging hinüber in seine Wohnstatt, die dicht neben dem Museum des Buches lag.

Der alte Lehrer hatte einen Esel. Seine Farbe war aschgrau. Das Tier, dessen Arbeit erlaubt und dessen Fleisch verboten ist, lebte sein Leben lang draußen. Es fürchtete weder die Sonne noch Schnee und Regen.

Es traf sich, dass ein Rudel hungriger Wölfe das Wohnviertel des Lehrers überfiel und die Esel und Kühe oder Schafe der Leute zerriss und fraß. Und die Leute gerieten in Todesangst. Sie wandten sich an die Polizei. Die Polizei sagte, sie habe es mit Menschen zu tun, nicht mit Tieren.

Da der Lehrer nun keinen Stall besaß, führte er darum seinen Esel nachts notgedrungen mitten in das Museum des Buches hinein und band ihn dort an, damit er nicht etwa den Wölfen zum Fraß werde.

An einem der Tage brachte man eine Gruppe ausländischer Gäste zur Besichtigung des Museums des Buches. Da man vergessen hatte, den Alten zu benachrichtigen, oder es nicht für nötig gehalten hatte, war die Tür des Museums verschlossen. Und der alte Lehrer, den von Zeit zu Zeit sein Gedächtnisschwund quälte, vergisst das Dasein des Esels da drinnen und lässt die Gäste und die Gastgeber vorangehen. Die Ausländer, die einen Esel zum ersten Mal mit eigenen Augen sahen, schenkten ihm keine Beachtung. Doch der Anführer der Gastgeber gab dem Esel eine so saftige Beschimpfung, dass alle es hörten.

Der Esel lachte laut auf.

– Schafft diesen verstandlosen Langohr fort!

Da fing der Esel auf einmal zu sprechen an:

– Ich kann weder Bücher lesen, noch fresse ich Papier. Was ist also meine Schuld, dass ihr mich schmäht?

Die Gastgeber blieben starr.

Der alte Lehrer wäre beinahe ohnmächtig geworden. Denn er war jahrelang der Herr des Esels gewesen und hatte keine Ahnung davon gehabt, dass der Langohr in der Sprache der Menschen redet.

Die Ausländer, die die Frage des Esels deutlich gehört hatten, gerieten in maßloses Staunen und ließen sich einer nach dem anderen zusammen mit dem Esel aufnehmen.

– Habt ihr mein Ansehen gesehen! – rief der Esel voller Stolz aus, – Und da nennt ihr mich noch einen verstandlosen Langohr…

In der Metropole des jungen Mannes, der von hohem Wuchs ist, dessen Gesicht ein wenig rund, dessen Augen schwarz, dessen Blick hell und immer ernst, dessen Gestalt voll und dessen Muskeln geübt sind, verlief das Leben bei Nacht, anders als in den großen Städten der Welt, vollkommen ruhig, und nach elf Uhr schlossen sämtliche Läden und großen Handelszentren und die prächtigen Restaurants, die zahllosen fünfsternigen, vielgeschossigen, himmelküssenden Hotels verriegelten ihre gläsernen, durchsichtigen Türen von innen, und die Wächter standen bis zum Morgen und hielten Ausschau nach der hin und wieder eintreffenden Ankunft ausländischer Gäste, auf den Straßen riss das Kommen und Gehen der Menschen ab, von Zeit zu Zeit fuhr dieser oder jener Personenwagen hierhin oder dorthin in großer Geschwindigkeit, da ja die Wege und die Schnellstraßen und die Alleen leer blieben, und die diensttuenden Lampen der hohen Gebäude blinkten, wenn man von fern oder von oben hinsah, so sah man es, ohne Unterlass, als gäben sie Kunde, dass die Stadt lebendig sei und gleichmäßig atme und nur eingeschlafen wäre.

In jener Nacht am Ende der Frühlingszeit, da die Fruchtbäume der Wälder und der Gärten am fernen Rand der Stadt die Blüte abgeworfen und unreife Früchte angesetzt hatten, bedeckte mit einem Schlag ein aufgewühlter Schwarm schwarzer Wolken den reinen, staublosen und sternenvollen Himmel, und die Stadt, deren Plätze und Straßen und deren Fenster in den Gebäuden hell erleuchtet waren, wurde finster…

Auf der Hauptschnellstraße, die an jenem Rande der Metropole beginnt, mitten durch die Stadt und schließlich über eine zwei Kilometer lange Brücke hinüberführt, hatte sich plötzlich ein überaus seltenes und unerhörtes oder märchenhaft schreckenerregendes Bild gezeigt. Abertausende Schlangen, kleine und große, dicke und dünne, Farbe um Farbe, giftige und ungiftige, lange und kurze, gleich einer einzigen Familie mit unzähligen gehorsamen Nachkommen, begannen eilends und in einer festen, unverrückbaren Ordnung nach Osten und nach Süden zu kriechen.

Der Schlangenkönig richtete sich mit Würde und Pracht und Nachdenken ein wenig auf. Auch die Schlangenkönigin geriet in Erregung und richtete sich an der Seite ihres Gemahls auf.

– Ich fühle den Puls und das aufrührerische Wallen sämtlicher Tiere des Zoos, hörst du es? – sagte der Schlangenkönig, ohne in seiner Bewegung innezuhalten.

– Ja! – bestätigte die Schlangenkönigin.

– Ihr Blut gerät ins Wallen, irgendein Dschinn oder Mensch erregt in ihren Herzen und in ihren Augen Furcht und unter ihnen Aufruhr, – sprach der Schlangenkönig seine Vermutung in der Sprache der Schlangen aus.

– Sämtliche Tiere sind drinnen in den eisernen Käfigen fest verwahrt… was also bringt sie in Erregung? – sprach die Schlangenkönigin ihren Zweifel aus.

– Dessen ungeachtet, du fühlst es, die Luft des Flusses, die Woge seines Wassers nimmt einen anderen Ton an. Vielleicht spürt auch das Wasser des Flusses die Gefahr und das Unglück, das nahe bevorsteht? – fragte der Schlangenkönig.

– Vielleicht finden wir ein Mittel und geben den Menschen Nachricht? – sagte die Schlangenkönigin.

– Nein, jetzt schlafen alle sorglos, und später hat es keinen Sinn.

– Warum? – wunderte sich die Schlangenkönigin.

– Wie einfältig du bist! Weil sie unsere Sprache nicht verstehen. Wenn die Stadt erwacht ist, wenn die Menschen zu sich gekommen sind, werden sie es wohl selber fühlen. Sie sind ja nicht von oben bis unten taub oder blind… Kriechen wir schneller! – so befahl der Schlangenkönig seinem ganzen Geschlecht.

Als der Schwarm der Schlangen oben auf die berühmte Brücke der Metropole gelangte, trug sich eine weitere sonderbare, geheimnisvolle Erscheinung zu – eine nach der anderen, die vorderen wie die hinteren, warfen sie sich in den Fluss hinab… Das Ganze glich einem Trugbild und einem Traum.

Am nächsten Tage erhob sich in der ganzen Metropole ein Aufruhr, und Entsetzen ergriff die Leute, obwohl vielleicht ein oder zwei Millionen jener nächtlichen Wanderung der Schlangen keinen Glauben schenkten und sie für ein haltloses Gerücht hielten. Doch in einigen Straßen fand man Wagen, die gleichsam erstarrt dastanden und unter deren Rädern mehrere Schlangen verschiedener Art zerquetscht lagen. Das Erstaunlichste von allem war, dass sämtliche Fahrer und Fahrgäste im Innern jener Fahrzeuge das Leben verloren hatten und dass ihre Augen offen geblieben waren. Am Abend gab man bekannt, dass jene Menschen infolge eines schreckenerregenden Entsetzens gestorben seien…

Man nahm den Affen als Sultan der Tiere an, und den Fuchs überkam ein Gefühl des Neides, und er führte den Affen unter dem Vorwand eines verborgenen Schatzes zu einer Falle und ließ ihn in die Falle geraten. Der Affe schalt ihn heftig. Der Fuchs sagte:

– O Affe, du, der du einen Schatz nicht von einer Falle zu unterscheiden vermagst, wie kannst du dann der Sultan der Tiere sein?

An eben jenem Abend ging der Alte bis spät hin aufmerksam die Umgebung des Zoos durch; seiner Meinung nach fand oder bemerkte er keinen Grund und keinen Beweis, der Anlass zur Sorge gäbe. Darum fand er in sich keinen Mut und hielt es auch nicht für nötig, den Generaldirektor ohne Not zu beunruhigen. In der Tat, wer schenkt persönlichen Vermutungen und der Möglichkeit, dass irgendein Unheil hereinbricht, Glauben, wenn wir es denn für zulässig halten, so zu reden? Die verworrenen Einbildungen des Alten hält man für nichts weiter als Geschwätz. Immerhin gab er die Anweisung, die Tiere weder in dieser Nacht noch morgen in den Hofgarten hinauszulassen. Sie fragten: „Warum?“ Er sagte: „Ich weiß es nicht.“ Beinahe hätte er gesagt: „Mein Herz gibt mir dieses Zeugnis.“ Zum Glück wirbelte er nicht Staub auf, ehe die Herde kam, sonst wäre unter den Mitarbeitern Gerede und Getöse aufgekommen, der Alte sei verrückt geworden… Am Ende sagte er „komme, was wolle!“ und zugleich „Gott bewahre!“ und ging, an bodenlose Gedanken gefesselt, nach Hause.

Wäre er ein wenig früher hinausgetreten, so wäre er beim Haupteingang am rechten Ufer des Zoos gewiss seinem Enkel begegnet. Schervon hatte nicht die Absicht, seinen Großvater zu sehen; er gab sich überhaupt alle Mühe, dass möglichst wenige, zumal von den Angestellten des Zoos, ihn das Gelände betreten sähen. Auch die Besuchsstunde ging zu Ende, nur hin und wieder kamen eilige Menschen an den Käfigen der Tiere vorüber. Schervon verlor sich unauffällig unter den Zuschauern und barg sich wenig später in Richtung des Hofes voller Sträucher und Bäume. Ohne zu wissen, dass man an diesem Abend die Tiere nicht hinauslassen würde, wollte er auf einen jener blätter- und zweigreichen Bäume steigen, die er einige Tage zuvor ins Auge gefasst hatte, und mitten in seinem Stamm, der zum Sitzen oder Anlehnen bequem war, warten. Wiewohl er in jenem Augenblick nicht die geringste Vorstellung davon hatte und auch nicht vorherzusehen vermochte, auf wen, auf was er warten würde. Und wieder bis zum Morgen. Er kam durchaus nicht dahinter, doch er fühlte, dass irgendeine Kraft ihn zu diesem Schritt drängte. Da sein Entschluss so fest war, legte er in seinen modernen Rucksack Wasser und Brot und Wurst und Knoblauch, Äpfel und Tomaten und Gurken, damit ihn in der langen Nacht, wenn er müßig Ausschau hielte, die Qual des Hungers nicht überkäme…

Unterdessen ergriff Dunkelheit die ganze Umgebung, jetzt war niemand mehr zu sehen, nur hin und wieder brannten die Lampen der Wege und drüben bei den Wachhäusern der Eingänge trüb und trübe. So eben, zum Schein…

So verging die Nacht über die Hälfte. Überall war es still und ruhig, nur von Zeit zu Zeit störte das Geschrei und das Gebrüll dieses oder jenes Tieres die Umgebung. Dessen ungeachtet übermannte den Enkel des Alten immer wieder der Schlummer. Er blickte zum Himmel. Der war vollkommen rein und staublos, und auch die Sterne schwiegen gleichsam. „Auch sie sind, wie ich, dem Anschein nach unruhig und fürchten sich sogar zu blinzeln, oder sie finden nicht die Zeit dazu“ – ging es Schervon durch den Sinn.

In diesem Augenblick klatschte das Wasser am Rande des Flussufers auf, obwohl in dieser Nacht kein Wind wehte. Darum schenkte er dem keine Beachtung. Doch das Wasser des Flusses geriet ein zweites Mal noch heftiger in Aufruhr. Und, mein Gott, im Halbdunkel sah Schervon mit Mühe, dass irgendwelche Geschöpfe aus dem Wasser heraufkamen. Ein-, zweimal blinzelte er, er zwickte sich in den Ellbogen, nein, kein Traum, er war wach. Die Geschöpfe, die nun deutlich sichtbar waren, traten aus dem Wasser und eilten kopflos zum Eingang des Zoos. Schervon machte sich mit seinem Tablet, das er beizeiten für alle Fälle bereitgelegt hatte, ans Filmen. Jene Geschöpfe, die überaus hochgewachsenen, kohlschwarzen Menschen glichen, rissen mit einem einzigen Ruck die Türen der Wachhäuser aller drei Eingänge des Zoos auf, und einer von ihnen schleuderte die verschlafenen Wächter mit einer Hand, als nähme er eine schmierige Küchenkatze in die Faust, erbarmungslos nach draußen. Ein anderes Geschöpf hob einen Wächter mit beiden Händen, wie einen dürren Stock, mühelos in die Höhe und schlug ihm das Kreuz an sein aufgestelltes Knie. Alle drei Wächter fanden nicht einmal die Möglichkeit zu schreien.

Obwohl das Entsetzen den Weg in sein Herz fand, nahm Schervon sich zusammen und stieg auf einen höheren Ast des Baumes. Und er warf einen Blick zum Eingang am linken Ufer. Auch auf jener Seite sind ebensolche Geschöpfe in Bewegung. Keinen Augenblick lang ließ er vom Filmen ab.

Und nun liefen jene Ghule, von deren Dasein die Eulen seinem Großvater Kunde gegeben hatten und an deren Vorhandensein nun auch in Schervons Herzen kein Zweifel mehr blieb, zu den Käfigen der Tiere hin. Das falsche Morgengrauen war gekommen, und die Sterne des Himmels verschwanden einer nach dem anderen aus den Blicken. Der Enkel des Alten sah, wie die Ghule von allen vier Seiten die Türen der Käfige mit einem einzigen Zug mühelos aufmachten und zu den Tieren hineingingen…

In den zahllosen Straßen und Alleen der Metropole erwachte das Leben jeden Tag um fünf Uhr morgens, und von Augenblick zu Augenblick stieg sein Strom an. Die Ghule wussten von dieser Eigenheit vielleicht nichts, doch mit dem Anbruch des Morgens erhob sich mit einem Schlag das lärmerregende Brüllen und Knurren von Dutzenden, von Hunderten Tieren des Zoos, und sie ergossen sich in die Straßen und Alleen und Plätze der großen, noch schlaftrunkenen Stadt.

Schervon, der mit dem Tablet in der Hand oben auf dem Baum aufrecht und starr stand und von dem, was er gesehen hatte, über die Maßen verblüfft und betäubt war, wurde vom Entsetzen niedergedrückt. Ungeachtet des unerhörten Ereignisses, das sich vor seinen Augen zutrug und dessen Zeuge er mit dem eigenen Auge war, verlor er den Verstand und die Kraft zu begreifen nicht und rief seinen Großvater an:

– Großvater, ich weiß, dass Sie früh wach werden, unsere Vermutung, Ihre und meine, hat sich als richtig erwiesen, die Ghule haben sämtliche Tiere des Zoos nach allen vier Seiten der Metropole hinausgetrieben.

– Von wem hast du das erfahren?! Und wo bist du jetzt? – unerwartet hörte er die kaltblütige Stimme des Alten.

– Ich? Oben auf einem Baum im Garten und Hof des Zoos. Ich habe vor, die Aufnahmen, die ich gemacht habe, ins Netz des Internets zu werfen.

– Nein, überstürze jetzt nichts. Warte auf mich. Hast du verstanden? Ich komme rasch hin. Das Weitere sehen wir dann…

Der Premierminister, der im Laufe einiger Jahre bei der Untersuchung der Erfahrungen anderer Metropolen die vielen Folgen von Bränden und Überschwemmungen und Erdbeben und Gasexplosionen und Unglücksfällen mit Automobilen und Zügen und Flugzeugen und dergleichen rechtzeitig studiert hatte, blieb, sobald er hörte, dass die Tiere die Stadt in Besitz genommen hatten, einige Augenblicke lang verwundert und starr. Ein solches Ereignis war in der Tat unerhört.

Sein Adjutant reichte ihm ein halbes Glas Quellwasser. Er trank es und kam zu sich. Er befahl, den Krisenstab für tätig zu erklären und seine Mitglieder herbeizurufen.

– Unverzüglich! – rief er aus und schärfte ein. – Heute ist Samstag, ein Ruhetag, darum findet sie, und müsstet ihr sie unter der Erde hervorholen. Sie sollen rasch zur Stelle sein!

Der Adjutant lief eilends aus dem Arbeitszimmer.

Die Sekretärin gab über die innere Verbindung Nachricht, dass der Bürgermeister der Metropole den Herrn Premierminister zu sprechen wünsche.

– Herr Premierminister! Es ist ein sehr schlimmer, ja sogar unheilvoller Zustand eingetreten.

– Ihr Vorschlag, Bürgermeister?

– In eben diesem Augenblick, wenn Sie es erlauben, will ich für das Gebiet der Metropole den Ausnahmezustand erklären…

– Die Polizei soll sämtliche Kindergärten und Schulen und Fachschulen, die Gymnasien und die Krankenhäuser mit bewaffneten Wachen versehen. Noch besser wäre es, wenn die Bewohner ihre Kinder zu Hause behielten. Bringen Sie alle zuständigen Einrichtungen auf die Beine. Alle halbe Stunde sollen sie Ihnen und mir Bericht geben. Fahren Sie selbst einmal durch die Stadt, durch ihre wichtigsten Mittelpunkte, und machen Sie sich damit bekannt, das heißt, sehen Sie es mit eigenen Augen, damit wir begreifen, was los ist und wie die Sache steht. Danach geradewegs zu mir! Der Krisenstab ist in Tätigkeit!.. Der Erfolg sei Ihr Gefährte! Und nehmen Sie sich in Acht!

– Ich danke Ihnen, Herr Premierminister! – und damit brach das Gespräch ab.

In diesem Augenblick trat ohne Erlaubnis der Adjutant ein, ein starkes Militärfernglas in der Hand.

Der Premierminister blickte ihm ins Gesicht, was so viel hieß wie: was gibt es?

– Ich habe Ihre Anweisung allen Ministern übermittelt. Ich habe eingeschärft, dass sie zuerst den Umständen entsprechend Maßnahmen ergreifen und danach im Krisenstab zur Stelle sein sollen. Vom Dach unseres Gebäudes – dem fünfzehnten Stockwerk – erscheinen die meisten Alleen und Plätze der Stadt wie auf der flachen Hand. Ich dachte, Sie sollten immerhin selbst einmal auf die Gegenden der Stadt hinabblicken. Ein allgemeiner Eindruck ergäbe sich vielleicht.

Die Löwen – die Könige der Wälder – sind der Überlieferung nach vor der Hand des Menschen in das Gebiet der Wüste geflohen, deren Hitze unerträglich und die leer ist!..

Ungefähr eine Stunde später trat der Premierminister in den Saal des Krisenstabes ein. Die Versammelten im Saal erhoben sich von ihren Plätzen.

– Setzen Sie sich! Ihre Telefone sollen eingeschaltet bleiben! Jede Nachricht, die eintrifft, melden Sie mir sogleich! – befahl er und wandte sich seinem Pressesprecher zu: – Was sagst du?

– Herr Premierminister! Sämtliche unserer Sender und mehrere Weltmedien haben Meldungen und Beiträge verbreitet. Das heißt, die ganze Welt weiß Bescheid. Doch über den Anlass, aus dem sich das Ereignis erhoben hat, gibt es keine bestimmte Deutung.

– Der Innenminister! – sagte der Premierminister kurz.

– Das Ereignis trug sich unversehens zu. Niemand hat es erwartet. Nach den Anforderungen des Ausnahmezustandes haben Hunderte von Polizeioffizieren sämtliche Verwaltungs- und Staatsgebäude, zwanzig Fernsehsender, sämtliche großen Brücken, die Ministerien und Universitäten und Schulen und Kindergärten unter Schutz und Aufsicht gestellt.

– Meinen Sie denn, die Tiere wollen einen Umsturz machen? – fragte der Premierminister spöttisch.

– Nein, ich nach der Vorschrift… Die Hubschrauber untersuchen die Lage der Metropole und filmen sie zugleich.

– Der Bürgermeister der Stadt!

– Herr Premierminister! Die Lage ist in Wahrheit äußerst gespannt. Als die Tiere auf die Plätze und Alleen hinaustraten, war es gerade die Stunde, da die Leute zur Arbeit gehen. Natürlich haben die sorglosen und von dem Ereignis nichts ahnenden Menschen, als sie vor sich Raubtiere sahen, ein Geschrei erhoben und sich auf der Suche nach einem Zufluchtsort nach allen vier Seiten geworfen.

– Sagen Sie, ist irgendein Raubtier über Menschen hergefallen oder nicht? – fragte der Premierminister.

– Ja, – antwortete der Innenminister. – Ich habe die Meldung in eben diesem Augenblick erhalten. Als ein Löwenpaar auf eine Schnellstraße mit rasch fahrendem Verkehr hinaustritt, verlieren die Fahrer Hand und Fuß, und Dutzende Wagen sind verunglückt. Einige Menschen sind leider gestorben, und manche haben Verletzungen davongetragen. In Anbetracht der eingetretenen Lage schießt ein Polizist den Löwen mit seiner Pistole nieder. Die Löwin aber ist über ihn hergefallen und hat ihm den Hals zerbissen… Und ist geflohen…

– Wer hat den Befehl gegeben, die Tiere niederzuschießen?

– Niemand! Offenbar aus Furcht und in der Absicht, die Lage zur Ordnung zu bringen.

– Weisen Sie jeden einzelnen Polizisten noch einmal an, dass ja keiner nach eigenem Belieben jedes Tier niederschießt, das ihm vor die Augen kommt.

– Ist der Generaldirektor des Zoos herbeigerufen worden?

– Nein, – sagte der Gehilfe. – Er ist kein Mitglied des Stabes. Das ist unsere Schuld, Verzeihung, wir machen es sogleich gut.

– Das ist nicht nötig, – antwortete der Innenminister. – Wir haben ihn am Morgen in seinem Hause verhaftet.

– Wegen welcher Schuld? – fragte der Premierminister.

– Von seinem eigenen Tod weiß er, aber vom Aufstand oder von der Flucht der Tiere des Zoos nicht! Man hat gedacht, er werde fliehen. Für alle Fälle hat man ihn festgesetzt. Ich habe die Anweisung gegeben, gleich bringt man ihn her.

– Ich bitte um Verzeihung, Herr Premierminister! – erhob sich der Gesundheitsminister von seinem Platz. – Die Wagen des „Rettungsdienstes“ haben nahezu hundert Menschen in die Krankenhäuser gebracht, die in Todesangst zu Boden gestürzt und beim Aufstehen verletzt worden sind.

Der Premierminister sagte kein Wort. Niedergeschlagen wollte er die verschiedenen Auskünfte, die er bis zu diesem Augenblick gehört hatte, verdauen und das Wesen der Lage begreifen. Zu begreifen und sich vorzustellen, wie die große, ruhige und friedliche Stadt sich in einem einzigen Augenblick in eine Umgebung des Entsetzens verwandelt hatte, schien schwer; vom Sehen ganz zu schweigen, schon beim Hören bekommt der Mensch am ganzen Leibe eine Gänsehaut und schaudert. Nach dem Wort der Verantwortlichen war anzunehmen, dass die Metropole von einem Ende zum anderen von einer Windsbraut erfasst worden sei, und nach Meldungen anderer Quellen sind manche willensschwachen oder körperlich leidenden Menschen wie vom Blitz getroffen auf der Stelle tot umgefallen.

– Herr Premierminister! – erhob sich der Bürgermeister der Stadt von seinem Platz. – Ein Haufen von Affen, kleinen und großen, hat den Nordmarkt überfallen und die Käufer und die Verkäufer auseinandergetrieben. Der Inhaber der Bananenreihe hat einem Affen ein Messer in den Bauch gestoßen, und das Tier liegt verwundet und blutüberströmt da. Die anderen Affen haben jenen Mann unter ihre Füße genommen und…

– Warum bist du verstummt? – fragte der Premierminister beklommen.

– Es ist nicht bekannt, ob er lebt oder gestorben ist. Keiner von den Menschen, die sich in die Läden geflüchtet haben, findet den Mut hinzugehen. Man sagt, die Affen sprängen und hüpften und jubelten über dem Leib jenes Armen und rings um ihn her, als tanzten sie. Und dazu sind sie alle in Zorn geraten, und unsere alten Vorfahren haben sämtliche Waren des Marktes, die herrenlos geblieben sind, auf die Erde verstreut…

– Das ist kein Zoo, sondern eine Anstalt, die Unheil heraufbeschwört! Ist es denn möglich, dass auch Tiere einen Aufstand erheben? Alle Übeltäter, die die Raubtiere freigelassen und auf die Straßen hinausgelassen haben, müssen ergriffen werden, – sagte jemand.

– Zuerst muss man sie finden, – warf ein anderer ein.

Niemand schenkte diesen Stimmen Beachtung.

Sein eigenes schneeweißes Telefon gab einen Laut von sich. Der Premierminister ließ den Blick einen Augenblick über dessen hellen Schirm laufen. Auf diesem Telefon haben im ganzen zehn, fünfzehn Menschen das Recht anzurufen, und auch das nur in außerordentlichen Fällen. Doch der Inhaber der Nummer auf der anderen Seite war ein Fremder – darum gab er keine Antwort. Überdies meldete sein Adjutant, dass man den Generaldirektor des Zoos gebracht habe.

– Rufen Sie ihn herein! – befahl er, noch immer verdrossen.

Der Direktor war ein hochgewachsener, ernster Mann, der vor Angst erstarrt schien. Mit Mühe brachte er einen Gruß heraus und blieb mit gesenktem Kopf wartend stehen.

In diesem Augenblick erhob sich der Pressesprecher von seinem Platz und bat um die Erlaubnis, den Fernseher einzuschalten. Er tat niemals ohne Grund einen Schritt. Darum gab der Premierminister ein Zeichen der Zustimmung.

– Der Leiter des weltweiten Senders hat gemeldet, dass seine Journalisten einen sonderbaren Beitrag hergestellt haben und dass er in eben diesem Augenblick gesendet wird.

Alle wandten sich dem großen Schirm zu.

– Über einen wahnsinnigen Mann! – sagte der Sprecher.

– Uns fehlte jetzt gerade nur noch ein Wahnsinniger! – fügte der Premierminister verwundert hinzu.

– Er ist kein Wahnsinniger von der gewöhnlichen Reihe, sondern ein wahnsinniger Prediger. Jeden Morgen kommt er früh nach seiner alten Gewohnheit zu dem großen Springbrunnen auf dem Platz des Unglücks, und es macht keinen Unterschied, ob Winter oder Sommer, Schnee oder Regen, er hält seine Predigt. Ihm scheint es immerfort, dass Tausende ganz Ohr und Aufmerksamkeit sind und seiner Rede zuhören. Und wenn sein Herz Linderung gefunden hat, geht er danach freudig nach Hause. Die Leute rings um jenen Platz wissen das gut.

Der Beitrag war in der Tat fesselnd.

Jener hagere Mann, dessen Hose und Jackett alt und abgetragen waren, redete mit Eifer und Lust flüsternd vor sich hin. Und… ein Löwe und ein Wolf und ein Bär und ein Leopard, ein, zwei Affen, ein Strauß hatten den Wahnsinnigen im Kreis umringt und saßen ganz still da und hörten seinen „Betrachtungen“ zu. Sonderbar, dass im Blick des Mannes nicht das geringste Bangen und Fürchten zu spüren war. Als hätten der Wahnsinnige und jene Tiere sich seit Jahren aneinander gewöhnt… und die Journalisten deuteten diesen ihren Beitrag als das Rätsel des eingetretenen Unglücks…

Der Premierminister wandte sich, als hätte er eben erst den Faden jenes Rätsels gefunden, an den Generaldirektor des Zoos.

– Dein Aussehen und dein Gesicht erinnern an ein Huhn, das ins Wasser gefallen ist. Nun, sag, was ist deiner Meinung nach geschehen? – fragte der Premierminister.

– Ich weiß es nicht… Ich kann es auch nicht erklären. Gestern Abend haben Dutzende Tiere ein heftiges Geschrei erhoben. Drinnen in ihren Käfigen. Den Grund dafür habe ich durchaus nicht begriffen. Dann gab ich dem Alten die Anweisung hinzugehen und die Lage zu erkunden. Ein wenig später wurden alle Tiere ruhig.

– Was für ein Alter?

– Ein Angestellter des Zoos.

– Was ist er denn, etwa ein Dompteur, dass auf ein einziges Zeichen von ihm sämtliche lärmenden Tiere ruhig geworden sind? – fragte der Premierminister.

– Genau lässt sich schwer etwas sagen… Doch…

– Verzeihen Sie, Herr Premierminister, – erhob sich der Innenminister von seinem Platz. – Aus Furcht davor, die Wölfe könnten über sie herfallen, haben sich zwei Studenten von der Brücke über dem Fluss ins Wasser gestürzt. Ohne zu wissen, dass darunter große Betonplatten aufgeschichtet sind und das Wasser des Flusses sie nur wenig bedeckt. Beide sind ums Leben gekommen…

– Wie lange sollen wir noch Trauerbotschaften hören? Ist diese Sache zu Ende zu bringen oder nicht? Ist etwa der Tag des Gerichts angebrochen? Man zeigt mit Fingern auf uns, die Völker der Welt lachen, dass wir vier Tieren nicht die Zügel in die Hand bekommen.

– Nicht vier, Herr Premierminister, sondern mehr, – zerkaute der Generaldirektor des Zoos seine Worte.

– Übrigens, wie viele Tiere sind entlaufen?

– Der ganze Zoo, ausgenommen die kleinen Jungen der Raubtiere und der Weidetiere, die drinnen in den kleinen Käfigen verwundert zurückgeblieben sind, im ganzen dreihundertsiebenundsechzig Stück… Dreiundzwanzig fahle Bären, zweiunddreißig Affen, zwölf Paar Löwen, zwei Elefanten, sieben Paar Strauße, fünf Paar Steinböcke, neun Tiger…

– Genug! – rief der Premierminister aus. – Wenn du schon so klug bist, wärest du denn gestorben, hättest du die Tiere unter Verschluss gehalten?! Durch das Unheil eines Vorgesetzten wie dich ist die Metropole heute zu einem offenen, freien Feld geworden oder zu einem Tummelplatz für die Streifzüge und die Willkür der Raubtiere. Begreifst du das denn?

Der Generaldirektor des Zoos stand vor Furcht und Beschämung mit gesenktem Kopf und stumm da…

– Ein Geschöpf, dessen Verstand es begriffen und das den Stein bemerkt hat, den der Mensch im Gewande verborgen hält, kann sich sogar vor dem tödlichen Wurf retten! – sagte die langschwänzige Elster und ließ ihre herangewachsenen Jungen allein und flog davon…

Das eigene Telefon des Premierministers gab wieder einen Laut von sich. Jene unbekannte Person verlangte beharrlich ein Gespräch. „Wer legt in einer so engen und ausweglosen Lage eine solche Dreistigkeit an den Tag?“ Wie sehr er sich auch mühte, sich zu erinnern, es gelang nicht. Der Premierminister hatte sämtliche Nummern, die gewöhnlich unmittelbar mit ihm Verbindung aufnahmen, in den Namen oder den Familiennamen ihrer Inhaber verwandelt. Doch diese Nummer war fremd…

– Verzeihen Sie, Herr Premierminister! – erhob sich der Innenminister wieder beunruhigt von seinem Platz. – Zwei, drei Wölfe und Tiger und Schakale sind in das Fleischkombinat eingebrochen. Dem Anschein nach haben sie den Blutgeruch des geschlachteten Viehs gespürt.

– Verbreitet sich der Geruch von Blut und Fleisch denn in die Luft hinaus? Warum ist er bis zu diesem Augenblick niemandem in die Nase gestiegen? – fragte der Premierminister. – Wer gibt darauf Antwort?

– Ich weiß es nicht, vielleicht spüren die Raubtiere den Blutgeruch über eine weite Entfernung hin…

– Haben sie den Menschen Schaden zugefügt oder nicht? – fragte der Premierminister beunruhigt.

– Nein, – sagte der Minister. – Alle sind geflohen und haben sich versteckt. Die Tiere haben sich an die abgehäuteten, an Haken aufgehängten Leiber der Rinder und Schafe gehängt. Das heißt, sie fressen sich satt. Die Angestellten jener großen Halle haben den Augenblick als Beute genommen und sind hinausgelaufen. Sonderbar, dass die Raubtiere beim Anblick des Fleisches der Flucht der Menschen nicht die geringste Beachtung geschenkt haben…

Der weltweite Sender, der Tag und Nacht sendet, verbreitete zwei Beiträge nacheinander.

…Sieben oder acht Rudel streunender Hunde verschiedener Rasse laufen frei durch die Straßen und über die Plätze der Metropole. Ihr Knurren und ihr Gebell erregte in den Herzen der spärlichen Passanten Grauen…

… Ein anderer zeigte darüber Aufnahmen, dass Hunderte nackter, das heißt ungesattelter Pferde des Zuchtkombinats sich in die Alleen der Stadt ergossen haben. Trunken und frei, in gestrecktem Galopp, haben sie Dutzende Hektar Saatland – die Ländereien im Umland der Metropole – zertreten und sind bis in die Alleen der Stadt gelangt…

– Es entsteht der Eindruck, dass die Metropole herrenlos geblieben ist, – schloss der Kommentator…

Jede neue Nachricht, die die Vorgänge auf der Straße betraf, erregte in den Herzen der Anwesenden eine Art Grauen, doch der Premierminister blieb nach wie vor kaltblütig. Er hörte den anderen aufmerksam zu, gab hin und wieder eine Antwort, stellte Fragen. Doch ein Winkel seines Hirns, vielleicht einzelne Zellen darin, suchte aus reinem Trieb nach einem Mittel gegen das Geschehene, forschte nach dem Weg der Rettung. Es war schwer, zu einem endgültigen Schluss zu kommen. Den Scharfschützen befehlen, die Tiere eines nach dem anderen niederzuschießen? Wie denn? Am hellen Tage, und noch dazu vor den Augen der Leute? Gewiss stehen die Journalisten sämtlicher berühmter Sender der Welt bereit und lauern darauf, worin dieses Unglück endet. Und woher nehmen wir so viele Scharfschützen? Oder sollen wir die Offiziere des Heeres einsetzen? Nein, das ist gewiss ausgeschlossen! Sollte das eintreten, so wird alle Welt uns der Erbarmungslosigkeit und der Unfähigkeit schuldig sprechen. Wären Verurteilte aus der Haft entflohen, so wäre das etwas anderes. Jetzt aber, da es um sprachlose Vierfüßer geht, mögen sie auch herrenlos umherlaufen, ist es erbarmungslos, sie geradewegs zu Tode zu bringen. Irgendein anderes Mittel muss gefunden werden…

– Herr Premierminister! – kaum hatte der Bürgermeister der Metropole sein Telefongespräch beendet, richtete er sich auf. – Ein Paar verwundeter Elefanten wirft mit seinen Rüsseln jeden Wagen um, der ihm entgegenkommt… Mein Gott, es ist schwer, sich das vorzustellen: irgendein Dummkopf von einem Polizisten hat auf einen der Elefanten geschossen und ihren Zorn und ihre Wut heraufbeschworen. Schon Dutzende Wagen, neue und alte, sind, wie der Polizeichef sagt, zu Schrott geworden. Sie bitten um die Erlaubnis, die Tiere zu töten.

– Nein! – erhob sich der Premierminister von seinem Platz. – Zu einem solchen Schritt haben wir kein Recht. Bis jetzt hat kein einziges Tier aus eigenem Willen irgendeinem Menschen Schaden zugefügt!

– Vielleicht, – brachte der Bürgermeister, als hätte er eine Entdeckung gemacht, mit aufleuchtenden Augen den Vorschlag vor, – strecken wir die Tiere mit besonderen Betäubungsgeschossen nieder und schleppen sie bis zu ihren Käfigen?

– Ein vortrefflicher Gedanke! – wies der Premierminister spöttisch zurück. – Auf einen Wink des Zauberstäbchens sammeln sich die Raubtiere aus allen vier Ecken der Stadt auf dem Platz und stellen sich schön in Reih und Glied. Und sie warten, wann Sie in aller Ruhe zielen und ihnen ein Betäubungsgeschoss in den Leib jagen!..

Der Bürgermeister sagte verlegen kein Wort und setzte sich auf seinen Platz.

Der Sicherheitsminister, der fast ohne Unterlass über seine Telefone sprach und Anweisungen gab, erhob sich von seinem Platz. Noch ehe er den Mund auftat:

– Wieder irgendeine unerfreuliche und unerhörte Meldung? – fragte der Premierminister.

– Zur selben Zeit hat man auf einmal drei Goldläden ausgeraubt.

– Die Raubtiere?!

– Nein, gewiss nicht, Herr Premierminister, – sagte der Sicherheitsminister. – Drei unbekannte Verbrecherbanden.

Einen Augenblick lang ergriff Schweigen den Saal.

– Herr Premierminister! – erhob sich der Innenminister von seinem Platz.

– Wieder irgendeine schlimme Nachricht?

– Ja. Doch meine Zunge dreht sich nicht dazu, dass…

– Wenn das Wasser einmal über dem Kopf steht…

– Diesmal sind drei bewaffnete Affen in einem Wagen vorgefahren, haben die Wächter der ausländischen Investitionsbank niedergeschossen und das ganze Bargeld der Bank geraubt. Einige Millionen…

– Bewaffnete Affen?

– Ja… Aus den Aufnahmen hat man festgestellt, dass sie sehr flink und erfahren sind…

– Und vom Ort der Tat werden sie wohl auch verschwunden sein?

– Sie haben es genau erraten… Man hat ein Strafverfahren eröffnet. Die Untersuchung hat begonnen. Man sagt, sie hätten in der Sprache der Affen geredet, doch man habe deutlich gesehen, dass ihre Lefzen erstarrt waren und sich nicht bewegten.

– Das heißt, irgendeine Bande von Räubern hat ihre Faust ins Dunkel geschlagen…

– Dem Anschein nach ist es so.

– Wann kommt dieses Unglück zu Ende? Hat denn niemand einen bestimmten Vorschlag? Begreifen Sie denn, dass dieses Ereignis in den Augen der Welt den Grad unseres Könnens und unserer Tauglichkeit, meines und Ihres, vollkommen in Zweifel stellt?

– Auch im Internet hat man denselben Gedanken geschrieben! – erhob der Pressesprecher aus dem Stegreif die Stimme. Es hatte den Anschein, als wollte er das Wort des Premierministers bestätigen und sich damit lieb Kind machen.

– Was hat man geschrieben?

– Man hat gespottet, der Tag sei zur Hälfte vergangen und Dutzende Vorfälle hätten sich zugetragen, doch die Regierung des Premierministers Soundso lege Hilflosigkeit und Ohnmacht an den Tag…

Das eigene Telefon gab plötzlich einen Laut von sich. Wieder dieselbe unbekannte Nummer. Diesmal ließ der Premierminister keinen Gedanken in seinen Kopf und gab Antwort:

– Hallo! Ich höre!

– Ein Glück! Seien Sie gegrüßt, Herr Premierminister!

– Seien Sie gegrüßt! Wer spricht?

– Ich bin jener Jäger, der Ihnen vor einigen Jahren auf der Jagd der Wegweiser war. Fällt es Ihnen wieder ein?

– Ja, – sagte er gleichgültig, – doch ich bin jetzt in einer außerordentlichen Sitzung, – er wollte das Gespräch kurz machen.

– Ich weiß, wer die Raubtiere des Zoos in die Stadt hinausgelassen hat.

– Sagen Sie das im Ernst? Wo sind Sie?

– Ich stehe seit mehr als einer Stunde vor dem Eingang Ihres Palastes. Die Wachen lassen mich nicht hinein. Ich habe mehrmals angerufen, leider… ohne Ergebnis…

– Warten Sie einen Augenblick, – und der Premierminister nahm den Hörer des Tischtelefons mit der unmittelbaren Leitung auf, gab dem Wachhabenden einen Befehl und wandte sich den Anwesenden zu: – In einigen Minuten werden wir erfahren, wer das Mittel dazu gewesen ist, die Tiere entkommen zu lassen! Und wie sämtliche Schlösser der großen eisernen Käfige in einem einzigen Augenblick von selbst aufgegangen sind.

Diese Mitteilung des Premierministers brachte alle in Staunen.

Und die Tür öffnete sich, und der Alte trat ein.

Nun erkannte der Premierminister ihn.

– Da! Da! – rief der verzweifelte und niedergeschlagene Generaldirektor des Zoos auf einmal aus. – Da, das ist eben der Mensch, den ich gemeint habe. Es geht die Rede, dass er die Sprache der Tiere kennt und versteht. Wer weiß, vielleicht hat er beim Ausbruch des Ereignisses die Hand im Spiel gehabt…

Der Premierminister lächelte. Und er zog den Alten wie einen nahen und vertrauten Bekannten an die Brust und fragte, wie es ihm gehe.

Dem Premierminister traten aus dem Stegreif die Tüchtigkeit und die Behändigkeit, die Wachheit und die Klugheit des Alten vor Augen; er wusste, dass ein Gang durch Berge und Wald an der Seite dieses geschickten Jägers keinerlei Gefahr barg, selbst dann nicht, wenn man einem Bären oder einem Löwen oder einem Tiger gegenüberkam.

– Zuerst sag mir, mein wackerer Freund, was hast du selbst mit dem Zoo und mit diesem ganzen Unglück zu schaffen?

– Eigentlich nichts. Ich bin ein einfacher Angestellter des Zoos.

– Seit wann?

– Es sind ungefähr drei Jahre geworden.

– Nun gut, was für ein Geheimnis steckt hier?

– Man schenkt dem keinen Glauben. Aber, hier, – der Alte zog einen USB-Stick aus der Innentasche seines Jacketts hervor. – Zufällig hat man eine Aufnahme gemacht.

Der Premierminister heftete den Blick einen Augenblick auf den USB-Stick. Er wollte eine Frage stellen, doch er nahm davon Abstand. Er blickte zum Pressesprecher. Der kam sogleich zu ihm, nahm den Stick und schloss ihn an den großen Fernseher an.

– Sehen wir es an? – fragte der Adjutant.

– Unbedingt! – erlaubte der Premierminister. – Und unverzüglich! Auf der Stelle!

Die Bären, die einst Menschen waren, sind ihrer Undankbarkeit wegen durch die Wirkung des Gebets der sagenhaften Bäume – der Kiefern – in Bären verwandelt worden und Bewohner des Waldes geworden…

Nach dem Betrachten der Aufnahme blieb der Premierminister, der aufrecht dastand, stumm und setzte sich auf seinen Platz. Er hatte alles erwartet, doch nicht das Dasein der Ghule.

– Sind jene Geschöpfe in Wahrheit Ghule, oder sind es übelgesinnte Menschen mit Diwengesichtern, die sich verkleidet haben? Kann einer von Ihnen das erklären?

Niemand fand den Mut, einen Laut von sich zu geben. Das Tun der Ghule schien außerhalb dessen zu liegen, was der menschliche Verstand fassen kann.

– Woher sind die Ghule aufgetaucht?

– Aus dem Wasser heraus, – sagte einer.

– Das habe ich begriffen, ich habe es selbst gesehen, doch woher – aus dem Grunde des Flusses oder von jenem Ufer? Oder sind sie vom Himmel herabgekommen?

– Das ist auf der Aufnahme nicht zu sehen, – warf derselbe Mann ein.

– Solange sich noch kein größeres Unglück zugetragen hat und nicht bekannt ist, wohin die Ghule verschwunden sind und was für eine unreine Absicht sie weiter hegen, kommen Sie, lassen Sie uns nachdenken. Unsere Metropole ist zum Schauplatz der Welt geworden. Alle warten darauf, wie dieses Ereignis endet! Nun gut, der Tag ist zur Hälfte vergangen, was für bestimmte Vorschläge gibt es?

– Ich habe eine Auskunft erhalten, Herr Premierminister, – sagte der Innenminister, – Das Oberste Gericht hat die Erlaubnis nicht erteilt, die Tiere niederzuschießen, die über die Stadt hereingebrochen sind. Wir hatten uns am Morgen für alle Fälle dorthin gewandt.

– Förmlich? – wollte der Premierminister es genau wissen.

– Ja! Schriftlich!

– Vielleicht sollen die Soldaten des Heeres sie mit starken Netzen eines nach dem anderen einfangen? – sagte der Verteidigungsminister.

– Sämtliche Tiere sind über die verschiedenen Ecken und Ränder der Metropole verstreut und zersprengt. Mir scheint das unmöglich. Doch denken Sie immerhin darüber nach. Wer weiß, wenn wir gezwungen sein sollten…

Der Premierminister suchte nach einem Weg.

Der Alte auch.

– Du, dummer Wolf, bist in die Falle geraten! – lachte der listige Fuchs. – Bete vor deinem Tode und erbitte von Gott die Vergebung deiner zahllosen Sünden! – und er fraß das Fett der Falle und lief schwanzwedelnd davon.

Endlich hob der Alte, der hier zusammen mit dem Generaldirektor des Zoos nur inoffiziell zugegen war, die Hand.

– Mein wackerer Freund! Bitte sehr, vielleicht kommt von Ihrer Zunge irgendein brauchbarer Vorschlag.

Der Alte erhob sich nachdenklich von seinem Platz und trat vor.

– Im Grunde sind diese Tiere, die heute durch den Willen irgendeiner plötzlichen und unbekannten Kraft in den Straßen und Alleen und auf den Plätzen heimatlos und verloren umherirren, harmlose Geschöpfe. Sie sind ja doch, die meisten von ihnen, drinnen im Käfig geboren und aufgewachsen. Sie meinten, das Leben sei eben dies. Nur einige von ihnen erinnern sich noch an die freie Umgebung des Waldes und des Berges und der Schlucht und der Wüste, und das ist alles…

– Machen Sie die Rede nicht so lang, ehe Sie um die Sache herumgeredet haben, wird es Abend, – schnitt ihm unerwartet und zur Unzeit jemand das Wort ab.

– Ich weiß nicht, wer Sie sind, Weiser der Zeit, doch ich habe noch niemandem mitten in die Rede die Schere gesetzt. Und ich rede nicht mit Ihnen, sondern mit dem Premierminister.

– Sie haben eine würdige Antwort gegeben, mein wackerer Freund! Es bedarf keines Einwandes von mir. Setzen Sie Ihre Rede fort. Unser Ohr gehört Ihnen. Verzeihen Sie!..

– Meine Ansicht ist die, dass jene Tiere, mögen die meisten von ihnen auch Raubtiere sein, keine Schuld tragen. Jemand oder etwas, Sie haben es selbst gesehen, hat sie zu diesem Schritt gedrängt. Ferner hat sich jedes einzelne dieser Tiere an die Menschen gewöhnt. Denn jeden Tag kamen Tausende, Klein und Groß, in den Zoo.

Wenn nun die Absicht ist, diese Tiere in ihre Behausungen zurückzubringen, so gibt es einen Weg. Man muss es immerhin versuchen und sehen, vielleicht ist es der Sache dienlich und bringt ein Ergebnis. Wissen Sie, im Zoo ließen wir die Tiere manchmal in den freien Raum des Hofes ringsherum hinaus. Es kam auch vor, dass die Tiere sich lange eigensinnig zeigten und nicht in den Käfig zurück wollten. Die Wahrheit gesagt, wir hatten unsere Qual damit. Auf den Rat eines Freundes von mir, – der Alte wollte aus irgendeinem Grunde nicht sagen, dass es der Rat seines Enkels Schervon war, – nahmen wir die Rufe und das Wimmern oder das Schreien und Klagen der kleinen Jungen der Löwen und der Wölfe, der Tiger und der Schakale, der Füchse und der Wildschweine, der Elefanten und der Bären und der Leoparden, kurzum sämtlicher Tiere, auf und ließen sie ertönen. Können Sie sich das vorstellen, es hat gewirkt – die Tiere liefen, als hätten sie ihre Jungen wochenlang nicht gesehen und sich nach ihnen gesehnt, aus Leibeskräften zu den Käfigen hin…

Der Alte verstummte.

– Zu Ende? – fragte der Premierminister mit einer Art Verwunderung.

– Ja, – hörte er kurz zur Bestätigung.

– Wo werden jene Aufnahmen, das heißt die Stimmen der Tierjungen, aufbewahrt? – der Premierminister hatte die Absicht seines wackeren Freundes bemerkt und bohrte nach.

– Hier, auf diesem USB-Stick! Wenn Sie wollen, hören Sie es sich an. Es ist sehr kunstvoll und eindringlich aufgenommen.

In der Tat war es so. Als man die lärmenden Stimmen der Jungen der verschiedenen Tiere hörte, von denen sich jede einzeln erhob, sagte niemand einen Ton.

– Vervielfältigen Sie das Material auf der Stelle, man soll es über die besonderen Bildschirme senden, die auf den Plätzen und in den Straßen und Alleen der Metropole angebracht sind, es soll ertönen. Vielleicht sehen und hören die Tiere es und… So Gott will, findet es den Weg in ihre Herzen. Innenminister und Verteidigungsminister, Sie sind verantwortlich! Leisten Sie Beistand!

Der Alte spürte, dass der Premierminister, wenn es an der Zeit und nötig war, überaus entschieden zu reden und Anweisungen zu geben vermochte.

– Die Wege der Rückkehr in den Zoo müssen frei sein. Sehen Sie zu, dass man die Türen der Käfige offen stehen lässt. Alle an die Ausführung des Befehls! Wenn es nötig wird, ruft man Sie herbei. Der Herr sei Gefährte und Wegweiser! – so setzte der Premierminister dem Gespräch offenbar den Punkt.

– Ich habe noch eine Bitte, – sagte der Alte.

Der Premierminister, der sich nun anderen Geschäften zuwenden wollte, hielt inne und wandte sich seinem Freunde zu.

– Geben Sie den Befehl, dass man, da die Zeit so knapp ist, jenen echten und eingefleischten Jäger mit einem Hubschrauber hierherbringt.

– Ist das denn nötig?

– Ja, Herr Premierminister. Auch er kann sich bis zu einem gewissen Grade mit jedem Raubtier und jedem Kriechtier unterhalten. Vom Trompeter ein Stoß in die Trompete! Vielleicht bringt es ein Ergebnis.

– Ist es nicht gefährlich, mit Raubtieren, die den Geschmack der Freiheit gekostet haben, allein von Angesicht zu Angesicht zu bleiben?

– Wir müssen die kleinste Möglichkeit nutzen, – beharrte der Alte fest auf seinem Vorschlag. – Hier, die Anschrift seines Wohnortes.

– Geben Sie sie dem Innenminister. Man soll einen Hubschrauber schicken.

– Zu Befehl! – rief der Minister aus.

– Ich danke Ihnen, mein wackerer Freund! – der Premierminister drückte dem Alten die Hand…

Als alle eilig hinausgegangen waren, blieb der Premierminister allein. Er rief seinen Adjutanten:

– Dank den Tieren habe ich heute Morgen sogar das Frühstück vergessen. Findet sich in dieser Anstalt wenigstens Tee oder Kaffee, Brot und Wurst und Käse?

– Gewiss, Herr Premierminister! Über der eiligen Sitzung ist es fünfzehn Uhr geworden, und wir haben das Essen vergessen, – antwortete der Adjutant.

– So Gott will, hilft die Erfahrung meines wackeren Freundes. Sonst geht mir nicht einmal Wasser die Kehle hinunter. Wenn wir das Ereignis erst überstanden haben, gehe ich an irgendeinem Ruhetag ganz gewiss mit ihm auf die Jagd!.. Ganz gewiss!

– Ich, der ich keine rechte Schulbildung habe, warum nur habe ich versucht, das Geheimnis des goldenen Siegels am Huf des Fohlens zu lesen, – so machte sich der unwissende und dumme Wolf Vorwürfe…

Der Abend brach herein.

Als Dutzende Löwen und Tiger, Bären und Wölfe, Affen und Strauße, Füchse und Schakale, kurzum sämtliche Tiere, die die Stadt dem Anschein nach in ihren Besitz genommen hatten, über die zahllosen Bildschirme der Straßen und Alleen hörten und sahen, wie ihre Kinder sich infolge eines Brandes im Zoo in Todesangst von einer Ecke des eisernen Käfigs in die andere warfen, gerieten sie zuerst in Staunen, dann begriffen sie gleichsam, welche Folge die Gefahr hatte, die über ihre Herzstücke hereingebrochen war, und wie unter einem einzigen Befehl stürmten sie alle zur Insel hin. Sie liefen blindlings, sie wollten rascher an jenen Ort gelangen, der Feuer gefangen hatte, und ihre teuren Geborenen retten.

Die Menschen, die ihnen zufällig auf ihrem Wege begegneten, flohen, ohne das Wesen der Sache zu wissen, nach allen vier Seiten; manche schauten von der Seite, von den Balkonen ihrer vielgeschossigen Häuser, mit Erregung und mit Furcht und Bangen zu. Sie kamen durchaus nicht dahinter, warum diese herrenlos umherlaufenden Tiere so eilig alle in einer Richtung ihren Weg nahmen.

Das ganze Gebiet der Metropole war in eben diesen Zustand geraten und erschien dem Auge als ein Rätsel.

Die Lampen an den schönen und zeitgemäßen Masten der Stadt wurden hell.

Die Menschen vermuteten, dass es fortan vielleicht jeden Tag so sein werde. Dass die Tiere, wann sie wollen und wohin sie wollen, in gestrecktem Galopp die Gesellschaft beunruhigen und in ein wildes Durcheinander stürzen können.

Die einfältigen und leichtgläubigen Leute gewöhnten sich rasch an diese oder jene Erscheinung und fassten Vertrauen; und fassten sie kein Vertrauen, so blieben sie gleichgültig und teilnahmslos und gingen, „Gott befohlen!“ sagend, ihrer täglichen Arbeit und Mühe nach.

Die Tiere des Zoos wussten davon nichts, sie waren in Sorge darum, dass ihre Jungen vor dem Feuer bewahrt blieben, nur ein einziger Gedanke quälte sie – ob sie zur Rettung ihrer hilflosen, in den Rachen des Feuers geratenen Herzstücke auch nur das geringste beitragen könnten oder nicht!

Sie liefen ohne Unterlass aus Leibeskräften. Kein Tier schenkte einem anderen Tier Beachtung, denn sie alle waren an ein und dasselbe unheilbringende Verhängnis gefesselt.

In dem Augenblick, da sie keuchend, eines hinter dem anderen, durch die vier Übergänge und Tore in das Gebiet des Zoos eintraten, trauten sie ihren eigenen Augen nicht: ringsherum war von einer Feuerflamme keine Spur. Trotzdem warfen sie sich zu den Käfigen, sie sahen drinnen in den kleinen Käfigen dicht daneben ihre Kinder unversehrt, ruhig und friedlich, ihr Herz fiel an seinen Platz zurück, und ihr Puls kam langsam, langsam in seinen natürlichen Takt.

Nur bemerkten sie, dass die Türen ihrer Käfige, die den ganzen langen Tag offen gestanden hatten, gleichsam auf das Zeichen irgendeines Geschöpfes hin laut krachend zufielen. Wiewohl dieser Schritt weder Notwendigkeit noch Sinn hatte, denn sie hatten keine Lust mehr, wieder hinauszugehen und sich mit Eigenmächtigkeiten abzugeben…

… Der junge Mann nahm dieses ganze Bild von Anfang bis Ende auf; er beruhigte sich ein wenig darüber, dass die Tiere immerhin in ihre Behausung zurückgekehrt waren. Doch er spürte irgendeine unsichtbare Gefahr.

In diesem Augenblick zitterte sein Telefon. Auf dem Schirm erschien das Gesicht seines Großvaters.

– Wo bist du? Bist du heil und gesund?

– Ja. Ich bin auf dem Platz… – Scham ergriff ihn wegen der Lüge, die er über die Lippen gebracht hatte. – Was ist aus dem Schicksal der Tiere geworden?

– Sie sind alle zurückgekehrt. Der Zoo ist von neuem voller Tiere…

– Nun, möge es zu einem guten Ende kommen. Nehmen Sie sich in Acht. Die Türen der Käfige…

– Verstehst du, es ist sonderbar, jene Ghule haben die Türen der Käfige eine nach der anderen fest verschlossen und mir die Arbeit leicht gemacht.

– Wo sind jene Ghule jetzt? Dass sie Ihnen nur keinen Schaden zufügen…

– Nein, sei unbesorgt. So unsichtbar, wie sie aufgetaucht sind, ebenso sind sie verschwunden, als wären sie kopfüber in die Tiefe der Erde gefahren.

– Sonderbar…

– Ich wundere mich selbst. Im Zoo ist niemand, mit dem ich meine Beobachtungen und die Lage austauschen könnte…

– Gehen auch Sie nach Hause. Morgen wird sich wohl etwas ergeben.

– Ich will erst noch einmal durch den Zoo gehen, danach überlege ich es mir.

– Halten Sie sich weiter fort vom Unheil, Großvater. Ich bitte Sie, gehen Sie nach Hause, denn …

– Im Vergleich mit dem Unheil, das sich heute erhoben und in der ganzen Stadt Getöse erregt hat, wobei Hunderte Menschen durch das Verderben des Aufstands der Tiere gestorben sind, kann es denn noch schlimmer werden?..

– Wer weiß? Die Lage scheint noch immer unruhig. Die Erregung der Stadt hat sich nicht gelegt.

– Komme, was wolle, mein lieber Junge!

– Der Herr sei Ihr Hüter!..

Der junge Mann führte oben auf dem künstlichen Ausguck, den er sich auf dem Baum im Hofgarten des Zoos hergerichtet hatte, das Militärfernglas an die Augen und machte sich von neuem an die Beobachtung: jedes Tier stand aufrecht da, als wäre es erstarrt und zu einem Standbild geworden.

Er legte das Fernglas aus der Hand… Und aus dem Stegreif, als wäre ihm etwas eingefallen, das dem Blick entgangen war, führte er es wieder an die Augen.

Der ganze Raum des Zoos schimmerte grünlich und hell. Auf einmal fiel ihm ins Auge, dass irgendein Geschöpf zum Tor hin kroch. Er warf einen Blick in die Richtung der anderen Tore: auch dort kroch je einer.

Der junge Mann begann zu filmen. Er stellte sich nicht vor, was für ein Ereignis sich zutragen würde. Er dachte, es seien eben jene Ghule, die seinem Großvater vor Augen gekommen waren, und vielleicht öffneten sie von neuem die Türen der Käfige.

Doch ach, es waren keine Ghule, sondern Menschen in schwarzer Kleidung und mit Masken, überaus behände, mit lautlosen Waffen in der Hand. Wider alles Erwarten öffneten sie die Türen der eisernen Käfige nicht, sondern traten näher und begannen von allen vier Seiten, jene Tiere, die um der Rettung ihrer Kinder willen in ihre ständige Behausung zurückgekehrt waren, eines nach dem anderen niederzuschießen…

Mein Gott! Welch eine Kaltblütigkeit! Er nahm auf, wie geschickt und mit welcher Lust und welchem Vergnügen sie den Tieren in Kopf und Hals schossen und wie jene Tiere, die vom Spiel des Menschen und der Welt und des Schicksals nichts wussten, zu Boden stürzten und mit staunenden Augen in den reinen Himmel blickten und mit dem Tode rangen, mit dem Tode rangen…

Zugleich sahen manche von ihnen, die Seele schon auf den Lippen, dass sie den Lauf ihrer lautlosen Pistolen auch auf jene Kinder richteten, die drinnen in den Käfigen daneben waren, und die armen kleinen Wesen, die noch kein einziges Mal aus dem Käfig in die Freiheit gekommen waren und nicht wussten, was Freiheit ist, fielen unter dem herzzerreißenden Schlag der Kugel dumpf, dumpf hin und starben, mit den Beinen scharrend…

Der junge Mann ließ vom Filmen nicht ab.

Irgendeine Ader und Sehne seines Leibes sandte ihm unsichtbar die Kunde, dass dies nicht das Ende des Unglücks sei…

Doch die schwarzgekleideten, maskierten Menschen verschwanden unsichtbar vom Ort des Geschehens, und einen Augenblick später tauchten von irgendwoher zwei oder drei ihnen ähnliche auf, mit Waffen in der Hand, die Maschinengewehren glichen. Schießen sie etwa auf die Leiber der toten Tiere?

Aus der Mündung ihrer Maschinenwaffen regnete in dieser finsteren Nacht (denn das Stromnetz der Stadt war plötzlich ausgefallen) in Wahrheit keine Kugel, sondern Feuer.

Der Leib jedes Tieres brannte. Schwarzer Rauch wand sich zum Himmel empor…

Der junge Mann brach die Aufnahme ab.

Er rief seinen Großvater an.

Das Telefon des Großvaters gab keine Antwort.

Der Ton des Klingelns riss das Herz der Nacht auf. Doch auch der Großvater, der in der Reihe der leblosen Tiere des Zoos mit dem Gesicht zum Himmel lag, hatte kein Mittel zu antworten.

Die Stadt hatte sich in ein taubes, stummes und blindes Wesen verwandelt.

Der Reichtum des Zoos versank im Rachen des Feuers, und außer dem jungen Mann sah gleichsam niemand dessen Flamme. Und niemandem brannte das Herz.

Um Mitternacht ging der junge Mann allein tiefer in das Gelände des Zoos hinein, tastete in der Dunkelheit jede Spanne seines Bodens ab und ab und fand den erschossenen und verbrannten Leib seines Großvaters, weinte bitterlich, bitterlich und übergab ihn voller Schmerz der Erde, in einem Winkel, der weiter fort vom Wasser ist.

Das falsche Morgengrauen brach an.

Er sandte seiner reinen Seele ein Gebet nach.

Mag niemand es erfahren, nicht einmal mein Vater und meine Mutter und meine Schwester, mögen sie meinen, der Großvater sei auf die Jagd gegangen und verschollen. So wird ihr Schmerz rascher nachlassen.

Als der Mensch das Kamel zum ersten Mal sah, erschrak er und ergriff die Flucht; dann gewöhnte er sich an sein sanftes Wesen, und als er begriff, dass es ein vollkommen harmloses Tier ist, wurde er kühn und legte dem Tiere den Zaum ins Maul und setzte sein Kind darauf und machte sich mit ihm auf den Weg…

Am nächsten Tage wurde in sämtlichen Nachrichtenmedien und auch in den Netzen des Internets eine amtliche Mitteilung verbreitet. Aus ihr erfuhren die Leute, dass in der Nacht aus vorerst unbekannten Gründen der Zoo Feuer gefangen habe und sämtliche Tiere verbrannt seien. Und dass die zuständigen Stellen die Gründe des Ausbruchs dieses Ereignisses untersuchen…

Ferner gab man Kunde, dass die Leiter des Tiergartens verhaftet worden seien und sich vor dem Gesetz verantworten würden.

Und Schluss!

Noch ehe das Auge des Tages sich auftat, kam Schervon in die Wohnung seines Großvaters. Der ganze Hausrat stand in einer eigenen Ordnung und Regel. Der Alte hatte mitten auf den großen Tisch, dessen beide Enden abgerundet sind, ein Familienbild in einem goldbeschlagenen Rahmen gestellt. Darauf waren der Großvater, die Großmutter, ihr Sohn, Schervon und seine kleine Schwester abgebildet. Der Großvater lächelte mit jener ernsten Würde von ihm ein wenig…

Und daneben ein großer Umschlag… Schervon öffnete ihn. Er las das Testament des Alten. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich allein, ganz allein. Er rief sich das Antlitz seines Großvaters vor Augen. Danach badete er und ging zur Arbeit…

Wäre der Mensch dazu imstande, so hätte er neben Pferd und Rind, Kamel und Hund, Katze und Schaf sämtliche übrigen Tiere in Haustiere verwandelt und das Gleichgewicht der Natur von Grund auf zerstört…

Eine Stunde später erschien die echte Aufnahme des blutigen und unheilvollen Ereignisses im Zoo – der schonungslosen Tötung der Tiere und der Verbrennung ihrer Leiber – in den Nachrichtennetzen der Welt. Diese Erbarmungslosigkeit ließ alle in jedem Winkel und an jedem Rand des Planeten erzittern. Der Premierminister des Landes erklärte die Lage und schob Schuld und Sünde jenen Ghulen in den Nacken, die von hinter dem sagenhaften Berge Qaf herabgestiegen sind: sie hätten sich nämlich zuerst mit den Tieren verständigt und alle auf die Straßen hinausgeführt und sie danach erbarmungslos niedergeschossen und verbrannt…

In den Jahren 2015–2016

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